«ALLE BEIDE»: Im Gespräch mit Emilia Wehrli und Rachel Schumacher
Emilia und Rachel vom Kostüm- und Modeatelier «ALLE BEIDE» laden uns in ihre Arbeits- und Lebenswelt ein. Am Küchentisch erzählen sie von vergangenen Projekten, Zusammenarbeiten mit Künstler*innen sowie Ideen und Überzeugungen, die ihre Arbeit formen. Nach einer Tasse Kaffee klettern wir auf den Dachboden, wo alte Möbelstücke bereitstehen, um neu bezogen zu werden. Weiter unten, im Keller, werden gerade Stoffbahnen des ehemaligen Bühnenvorhangs von Winterthur gewaschen. Ein kurzer Abstecher in den Hosenladen führt uns schliesslich in ihr Atelier, wo Ideen zum Leben erweckt werden.
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Hallo Emilia und Rachel, wer seid ihr?
Beide: Wir sind «ALLE BEIDE», wir sind handwerkbegeisterte Künstler*innen, Co-Lesben, eine Firma und eine WG.
Wie seid ihr dazu gekommen, euer eigenes Modeatelier in Zürich zu gründen? Wie habt ihr zusammen gefunden?
Rachel: Wir haben uns in der Schule kennengelernt und für ein Schultheater das erste Mal zusammen Kostüme gemacht.
Emilia: In dieser Zeit habe ich in einer Zwischennutzung in Dübendorf gelebt und in der Tiefgarage eine Modenschau organisiert. Wir haben unsere Pieces da noch einzeln genäht, aber bereits festgestellt, dass wir ähnliche Stile haben. Kurz darauf hatten wir das Glück, in Zürich Teil einer Ateliergemeinschaft werden zu können.
Rachel: Am Anfang dieser Atelierzeit hatten wir noch kein ausgereiftes Konzept, aber durch die Möglichkeit, diesen Raum nutzen zu können, konnten wir unsere Arbeitsweise finden. Im Herbst 2023 ist die Zürcher Band Dirty Slips durch Zufall auf uns gestossen. Im Laufe der Arbeit an den ersten Kostümen für sie haben wir uns dann entschieden, einen gemeinsamen Auftritt unter dem Namen «ALLE BEIDE» zu entwickeln.
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Emilia: Seither haben sich verschiedene Schwerpunkte entwickelt: Neben Theaterkostümen eben Bühnenoutfits für Bands und Spezialanfertigungen für Musikvideos, aber auch Einzelanfertigungen von Alltagskleidung für Privatkund*innen. Neben all dem und den Polster- und Heimtextilarbeiten ist der Hosenladen ein bisschen unser Spassprojekt.
Rachel: Dort nähen wir nicht auf Auftrag, sondern setzen eigene Ideen um. Wir verkaufen fertige Stücke – nicht nur Hosen – und sind da, um Bestellungen entgegenzunehmen oder Ideen zu besprechen. Vor allem geht es aber auch um den Beziehungsaspekt und darum, aus unserem oft sehr ruhigen Atelier rauszukommen und mit den Leuten, die unsere Arbeit nice finden, ins Gespräch zu kommen, abzuhängen.
Emilia: Im Moment funktioniert es noch nicht als Laden im eigentlichen Sinne, sondern als Veranstaltungsreihe, die zwei- bis viermal jährlich stattfindet. Die Ankündigung erfolgt über unsere Webseite oder unseren Newsletter.
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Was ist euch bei eurer Arbeit besonders wichtig? Was inspiriert euch?
Rachel: Wir sind sehr idealistisch und haben viele Prinzipien. Eines davon ist, dass wir so wenig wie möglich neu produzierte Materialien verwenden. Das beginnt beim Stoff, geht aber auch weiter bei Faden, Papier, Maschinen.
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Emilia: Von diesen Materialien lassen wir uns oft auch inspirieren. Es kommt selten vor, dass wir einen Entwurf zeichnen und dann den passenden Stoff suchen. Vielmehr versuchen wir, aus jedem Stoff, den wir finden, das Beste rauszuholen.
Rachel: Zudem legen wir Wert darauf, auch in Zukunft ein Künstler*innenduo zu bleiben. Es kommt für uns nicht infrage, unsere Designs irgendwo produzieren zu lassen oder Leute anzustellen, auch wenn wir eines Tages auf diese Weise vielleicht mehr Geld verdienen könnten.
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Beschreibt «ALLE BEIDE» in drei Worten.
Beide: Auf unseren offiziellen Kanälen beschreiben wir unsere Arbeit mit: Kostüme, Kleider, Beziehungen. Beziehungen stehen sowohl für Polsterarbeiten, die wir machen, aber auch für die zwischenmenschlichen Verbindungen, die, wie bereits gesagt, in unserer Arbeitsweise einen hohen Stellenwert haben, sei es mit anderen Künstlerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, etwa im Bereich Musik oder Theater, aber auch in der Begegnung mit Privatkundinnen. Wenn jemand das Kontaktformular auf unserer Webseite ausfüllt, um etwas zu bestellen, kontaktieren wir die Person und treffen sie bei uns im Atelier für eine Besprechung und später für eine Anprobe. Auch das «ALLE» in «ALLE BEIDE» spielt darauf an: Alles, was wir tun, ist nur möglich with a little help from our friends.
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Was könnt ihr voneinander lernen?
Emilia: Ich lerne von Rachel, ein bisschen entspannter zu sein, nicht ständig alles zu hinterfragen und auch mal Nein zu sagen und meine privaten Wünsche zu priorisieren.
Rachel: Ich lerne von Emilia, meinen Ideen zu vertrauen, sie konsequent umzusetzen und bei der Umsetzung genau und ohne Abkürzungen zu arbeiten. Und wie man Instastories macht.
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Was ist euer Lieblingsprojekt, das ihr bisher kreiert habt?
Emilia: Eine besonders schöne Erfahrung war für mich die Colle Fashion Show im vergangenen Jahr, die wir mit der Associazione Fuoriluga in Lugano organisiert haben. Das war ein Projekt, bei dem das Zusammenkommen und Zusammensein junger Menschen im Zentrum stand. Die Begeisterung über das gemeinsame Ziel einer tollen Show war im Raum greifbar. Und auch hier gibt es eine spannende Geschichte auf Materialebene: Der Stoff für unser Outfit stammt aus einem abgespielten Bühnenbild des Schauspielhaus Zürich. Auch von diesem Stoff haben wir genug, um die Idee des hautengen pinken Ganzkörperanzugs, bei dem sich das Gesicht der Performenden hinter einer Maske mit langen Zöpfen verbirgt und dem Publikum entzieht, weiterzuentwickeln – für eine Theaterproduktion, die uns ebenfalls sehr am Herzen liegt.
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Rachel: Für mich gibt es viele, die in diese Kategorie fallen. Unser Ziel ist eigentlich, nur Sachen zu machen, die diese Bezeichnung verdient haben könnten. Vom Endprodukt her würde ich vielleicht unsere Arbeiten für die Dirty Slips, CRIMER und Jane Mumford nennen. Von den Geschichten hinter den Arbeiten sticht unser «GREEN VELVET» Projekt heraus. Wir haben den alten Bühnenvorhang des Theater Winterthur beim Umbau des Hauses aus der Mulde gerettet, nach Zürich transportiert, in die einzelnen Stoffbahnen aufgetrennt, gewaschen und verarbeiten ihn nun zu Jacken, Hosen, Möbelbezügen und Handtaschen. Aussergewöhnlich ist für uns die schiere Menge dieses grünen Samtes – wir hoffen, dass wir vor unserer Pensionierung alles verarbeiten und unter die Leute bringen können.
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Was macht ihr im Leben abseits von tollen Kostüm- und Modepieces entwerfen? Wo in Zürich seid ihr am liebsten unterwegs und vertreibt eure Zeit?
Emilia: Ich spiele Fussball in der Alternativen Liga, was mir sehr Spass macht. Manchmal müssen wir auch noch auf konventionellere Art und Weise Geld verdienen. Wenn man uns im Ausgang antrifft, dann im Helsinki Klub oder dort, wo es gratis ist.
Rachel: Wenn es etwas introvertierter sein soll, kochen wir etwas übertrieben Aufwändiges und hören uns Joni Mitchells Album Blue an oder ziehen uns Bootlegs von den Beatles, Queen, David Bowie, Prince oder Joan Baez rein. Die inspirieren uns durch ihre Musik, aber auch durch ihre Outfits.
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Wie wär’s mal mit...
Rachel: ...durchsichtigen Zebramusterunterhosen?
Emilia: ...oder mit einem Basiseinkommen für Künstler*innen wie in Irland?
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Vielen lieben Dank an Rachel und Emilia für das schöne Gespräch und die inspirierenden Einblicke in eure Arbeit.
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von Flurina Helbling
am 09.02.2026
Fotos
© Flurina Helbling für Wie wär's mal mit
Wer die Bilder weiterverwenden möchte, muss sich die Rechte bei Wie wär’s mal mit einholen.

Hallo Emilia und Rachel, wer seid ihr?
Beide: Wir sind «ALLE BEIDE», wir sind handwerkbegeisterte Künstler*innen, Co-Lesben, eine Firma und eine WG.
Wie seid ihr dazu gekommen, euer eigenes Modeatelier in Zürich zu gründen? Wie habt ihr zusammen gefunden?
Rachel: Wir haben uns in der Schule kennengelernt und für ein Schultheater das erste Mal zusammen Kostüme gemacht.
Emilia: In dieser Zeit habe ich in einer Zwischennutzung in Dübendorf gelebt und in der Tiefgarage eine Modenschau organisiert. Wir haben unsere Pieces da noch einzeln genäht, aber bereits festgestellt, dass wir ähnliche Stile haben. Kurz darauf hatten wir das Glück, in Zürich Teil einer Ateliergemeinschaft werden zu können.
Rachel: Am Anfang dieser Atelierzeit hatten wir noch kein ausgereiftes Konzept, aber durch die Möglichkeit, diesen Raum nutzen zu können, konnten wir unsere Arbeitsweise finden. Im Herbst 2023 ist die Zürcher Band Dirty Slips durch Zufall auf uns gestossen. Im Laufe der Arbeit an den ersten Kostümen für sie haben wir uns dann entschieden, einen gemeinsamen Auftritt unter dem Namen «ALLE BEIDE» zu entwickeln.

Emilia: Seither haben sich verschiedene Schwerpunkte entwickelt: Neben Theaterkostümen eben Bühnenoutfits für Bands und Spezialanfertigungen für Musikvideos, aber auch Einzelanfertigungen von Alltagskleidung für Privatkund*innen. Neben all dem und den Polster- und Heimtextilarbeiten ist der Hosenladen ein bisschen unser Spassprojekt.
Rachel: Dort nähen wir nicht auf Auftrag, sondern setzen eigene Ideen um. Wir verkaufen fertige Stücke – nicht nur Hosen – und sind da, um Bestellungen entgegenzunehmen oder Ideen zu besprechen. Vor allem geht es aber auch um den Beziehungsaspekt und darum, aus unserem oft sehr ruhigen Atelier rauszukommen und mit den Leuten, die unsere Arbeit nice finden, ins Gespräch zu kommen, abzuhängen.
Emilia: Im Moment funktioniert es noch nicht als Laden im eigentlichen Sinne, sondern als Veranstaltungsreihe, die zwei- bis viermal jährlich stattfindet. Die Ankündigung erfolgt über unsere Webseite oder unseren Newsletter.

Was ist euch bei eurer Arbeit besonders wichtig? Was inspiriert euch?
Rachel: Wir sind sehr idealistisch und haben viele Prinzipien. Eines davon ist, dass wir so wenig wie möglich neu produzierte Materialien verwenden. Das beginnt beim Stoff, geht aber auch weiter bei Faden, Papier, Maschinen.

Emilia: Von diesen Materialien lassen wir uns oft auch inspirieren. Es kommt selten vor, dass wir einen Entwurf zeichnen und dann den passenden Stoff suchen. Vielmehr versuchen wir, aus jedem Stoff, den wir finden, das Beste rauszuholen.
Rachel: Zudem legen wir Wert darauf, auch in Zukunft ein Künstler*innenduo zu bleiben. Es kommt für uns nicht infrage, unsere Designs irgendwo produzieren zu lassen oder Leute anzustellen, auch wenn wir eines Tages auf diese Weise vielleicht mehr Geld verdienen könnten.

Beschreibt «ALLE BEIDE» in drei Worten.
Beide: Auf unseren offiziellen Kanälen beschreiben wir unsere Arbeit mit: Kostüme, Kleider, Beziehungen. Beziehungen stehen sowohl für Polsterarbeiten, die wir machen, aber auch für die zwischenmenschlichen Verbindungen, die, wie bereits gesagt, in unserer Arbeitsweise einen hohen Stellenwert haben, sei es mit anderen Künstlerinnen, mit denen wir zusammenarbeiten, etwa im Bereich Musik oder Theater, aber auch in der Begegnung mit Privatkundinnen. Wenn jemand das Kontaktformular auf unserer Webseite ausfüllt, um etwas zu bestellen, kontaktieren wir die Person und treffen sie bei uns im Atelier für eine Besprechung und später für eine Anprobe. Auch das «ALLE» in «ALLE BEIDE» spielt darauf an: Alles, was wir tun, ist nur möglich with a little help from our friends.

Was könnt ihr voneinander lernen?
Emilia: Ich lerne von Rachel, ein bisschen entspannter zu sein, nicht ständig alles zu hinterfragen und auch mal Nein zu sagen und meine privaten Wünsche zu priorisieren.
Rachel: Ich lerne von Emilia, meinen Ideen zu vertrauen, sie konsequent umzusetzen und bei der Umsetzung genau und ohne Abkürzungen zu arbeiten. Und wie man Instastories macht.

Was ist euer Lieblingsprojekt, das ihr bisher kreiert habt?
Emilia: Eine besonders schöne Erfahrung war für mich die Colle Fashion Show im vergangenen Jahr, die wir mit der Associazione Fuoriluga in Lugano organisiert haben. Das war ein Projekt, bei dem das Zusammenkommen und Zusammensein junger Menschen im Zentrum stand. Die Begeisterung über das gemeinsame Ziel einer tollen Show war im Raum greifbar. Und auch hier gibt es eine spannende Geschichte auf Materialebene: Der Stoff für unser Outfit stammt aus einem abgespielten Bühnenbild des Schauspielhaus Zürich. Auch von diesem Stoff haben wir genug, um die Idee des hautengen pinken Ganzkörperanzugs, bei dem sich das Gesicht der Performenden hinter einer Maske mit langen Zöpfen verbirgt und dem Publikum entzieht, weiterzuentwickeln – für eine Theaterproduktion, die uns ebenfalls sehr am Herzen liegt.

Rachel: Für mich gibt es viele, die in diese Kategorie fallen. Unser Ziel ist eigentlich, nur Sachen zu machen, die diese Bezeichnung verdient haben könnten. Vom Endprodukt her würde ich vielleicht unsere Arbeiten für die Dirty Slips, CRIMER und Jane Mumford nennen. Von den Geschichten hinter den Arbeiten sticht unser «GREEN VELVET» Projekt heraus. Wir haben den alten Bühnenvorhang des Theater Winterthur beim Umbau des Hauses aus der Mulde gerettet, nach Zürich transportiert, in die einzelnen Stoffbahnen aufgetrennt, gewaschen und verarbeiten ihn nun zu Jacken, Hosen, Möbelbezügen und Handtaschen. Aussergewöhnlich ist für uns die schiere Menge dieses grünen Samtes – wir hoffen, dass wir vor unserer Pensionierung alles verarbeiten und unter die Leute bringen können.

Was macht ihr im Leben abseits von tollen Kostüm- und Modepieces entwerfen? Wo in Zürich seid ihr am liebsten unterwegs und vertreibt eure Zeit?
Emilia: Ich spiele Fussball in der Alternativen Liga, was mir sehr Spass macht. Manchmal müssen wir auch noch auf konventionellere Art und Weise Geld verdienen. Wenn man uns im Ausgang antrifft, dann im Helsinki Klub oder dort, wo es gratis ist.
Rachel: Wenn es etwas introvertierter sein soll, kochen wir etwas übertrieben Aufwändiges und hören uns Joni Mitchells Album Blue an oder ziehen uns Bootlegs von den Beatles, Queen, David Bowie, Prince oder Joan Baez rein. Die inspirieren uns durch ihre Musik, aber auch durch ihre Outfits.

Wie wär’s mal mit...
Rachel: ...durchsichtigen Zebramusterunterhosen?
Emilia: ...oder mit einem Basiseinkommen für Künstler*innen wie in Irland?

Vielen lieben Dank an Rachel und Emilia für das schöne Gespräch und die inspirierenden Einblicke in eure Arbeit.
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von Flurina Helbling
am 09.02.2026
Fotos
© Flurina Helbling für Wie wär's mal mit
Wer die Bilder weiterverwenden möchte, muss sich die Rechte bei Wie wär’s mal mit einholen.