«Circleg»: Im Gespräch mit Simon Oschwald

Wir erreichen Simon Oschwald, Mitbegründer von «Project Circleg», per Videocall von Zürich nach Graubünden. Das Team von «Project Circleg» hat seinen Arbeitsplatz vom Zürcher Atelier aufgrund von COVID-19 ins Homeoffice verlegt. Wir sprechen über die Entwicklung eines Bachelorabschluss Projekts hin zu einem Unternehmen mit sozialen Auswirkungen, über Gemeinschaft und berührende Momente aus dem Alltag des Industriedesigners. 


Lieber Simon, wer bist du und was bewegt dich in deinem Leben?
Ich bin Simon Oschwald und habe 2018 das Industrial Design Studium an der ZHdK abgeschlossen. Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und lerne sehr gerne neue Kulturen kennen. Ich finde es extrem spannend, gesellschaftliche Zusammenhänge mit Produkten und Konzepten zu verbinden. Das «Project Circleg», an dem wir aktuell arbeiten, bringt für mich all diese Punkte zusammen. Wir können viel reisen, treffen viele Menschen mit spannenden Geschichten und lernen verschiedene Kulturen kennen. Wir kommen in Berührung mit ganz unterschiedlichen Disziplinen und es ist dieser ganzheitliche Ansatz, der mich interessiert.


Was ist «Project Circleg» und wie kamst du dazu?
«Project Circleg» besteht aus einem  Kernteam von sechs Personen, die aus unterschiedlichen Disziplinen kommen. Gemeinsam entwickeln wir ein Prothesensystem, das auf die Bedürfnisse von Menschen mit einer Beinamputation in Entwicklungsländern angepasst ist. Es startete ursprünglich als gemeinsames Bachelorprojekt mit Fabian Engel, einem guten Freund und Mitstudenten von mir. In der Anfangsphase interessierten wir uns für Kunststoffabfall. Das Thema war schon damals in den Medien präsent und im Produktdesignstudium haben wir uns mit Kunststoff als wichtiges Material in der Produktgestaltung auseinandergesetzt. Uns wurde bewusst, dass man dieses Material einerseits eigentlich auf alles anwenden kann, was man braucht und andererseits sahen wir, welche Auswirkungen dessen Verwendung auf Mensch und Umwelt haben kann. 


Unsere ambivalente Beziehung dazu weckte bei uns das Interesse aus dieser Ressource etwas zu machen, das potentiell einen positiven Einfluss auf das Leben von Menschen hat. Nach der Rückkehr von Fabian von einem Designworkshop aus Indien, bei dem er eines der grössten Unternehmen im Bereich von kostengünstigen Prothesen kennengelernt hatte, stellten wir uns die Frage: «Wie wäre es, wenn wir Kunststoffabfälle für die Produktion von Prothesen verwendeten?» Nach einer Recherche- und Feedbackphase sind wir effektiv nach Kenia gereist, was, denke ich, für uns auch der Auslöser war das Projekt nach der Bachelorarbeit weiterzuführen.



Was motiviert dich persönlich jeden Tag mehr als 100% für so ein Projekt tätig zu sein?
Die Motivation kommt einerseits durch die Situation, wie ich sie in unserem Gemeinschaftsatelier erlebe: Ich freue mich, mit meinen Freund*innen im Atelier Zeit verbringen zu können. Am Projekt motiviert mich andererseits, dass wir auf verschiedensten Ebenen so viel lernen können. Als Designer und als Mensch treffen wir immer wieder auf neue Bereiche, in denen wir nicht viel Erfahrung und Wissen mitbringen und wir kommen dadurch an Orte und Disziplinen, von denen wir unglaublich viel profitieren und mitnehmen können. Verschiedene Sachen auszuprobieren und immer etwas ausserhalb der Komfortzone zu sein – ich glaube das gehört auch etwas dazu und ist sehr schön. Wir haben im Prozess recht schnell bemerkt, dass es bei Prothesen nicht nur um Funktionalität oder um prothetische Versorgung an sich geht, sondern ein gesamtes System darum herum besteht. Es geht um Service und vor allem auch darum, wie die Leute, die Prothesen tragen, in der Gesellschaft wahrgenommen werden und wie sie sich fühlen.



In welchen Ländern seid ihr aktuell tätig?
Aktuell sind wir in Kenia und in Uganda tätig. Die Auswahl entstand daraus, dass wir zu Beginn ein Unternehmen kennengelernt haben, das in Kenia Kunststoffabfälle rezykliert. Sie haben uns nach Kenia eingeladen, um die Situation vor Ort erleben zu können. Von dort aus hat sich das Netzwerk gebildet und so führte eines zum anderen. Im Nachbarland Uganda haben wir eine NGO [Non-governmental organization, Anm.d.Red.] kennengelernt und so hat sich die aktuelle Situation organisch ergeben.


Wie reagieren die Menschen auf euch, wenn ihr in Kenia und Uganda seid?
Sie reagieren sehr positiv. Wir waren zu Beginn ziemlich überwältigt davon, wie herzlich und offen die Leute waren, die wir getroffen haben und was für spannende Geschichten sie erzählen. In Kenia und Uganda war es nie ein Thema, eher in der Schweiz und in Europa wurde darüber diskutiert, dass wir als weisse und privilegierte Menschen mit einem Projekt nach Afrika gehen. Es bestehen im Zusammenhang mit der Geschichte der Kolonialisierung und der Entwicklungszusammenarbeit von früher viele Vorurteile. Deshalb wollen wir uns bewusst als Kollaborations- und nicht als Hilfsprojekt positionieren. Auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten ist für uns der einzig richtige Weg. 


Aus welchen Hauptgründen sind die Menschen in Entwicklungsländern auf Prothesen angewiesen? Vor welchen Herausforderungen stehen sie, wenn sie sich keine Prothese leisten können?
In Kenia und Uganda sind Verkehrsunfälle die Hauptursache für die Amputation eines Beines. Gefolgt von Krankheiten wie Diabetes und Krebs. Je nach Region auch Krieg oder Gewalttaten. Im Norden Ugandas gibt es immer noch viele Tretminen. Bis vor zehn Jahren galt zum Beispiel in Kenia ein amputiertes Bein als Fluch. Das bedeutete, dass die Leute jemandem mit einem amputierten Bein nicht ansahen, da sie Angst hatten, dass sie das auch bekommen könnten. Es galt auch der Glaube, dass die Eltern etwas falsch gemacht haben im Leben und jetzt von irgendeiner Kraft bestraft werden. Dies hatte zur Auswirkung, dass viele Leute versteckt wurden mit vorstellbaren physischen und psychischen Auswirkungen auf die Betroffenen, was man immer noch recht stark merkt. Der Umgang damit ist für uns mit «Project Circleg» eine der grösseren Herausforderungen. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen für diese Thematik, Arbeitsplätze zu schaffen und Leute in diesem Prozess zu unterstützen, so dass sie sagen können: «Ich bin ein Teil der Gesellschaft und ich kann absolut etwas dazu beitragen.»


Ihr habt mit dem Projekt schon einige Preise gewonnen. Was war bisher im Zusammenhang mit «Project Circleg» für dich dein schönster bzw. traurigster Moment?
Mal grundsätzlich gab es sehr viele, sehr schöne Momente. Ein sehr schöner war gerade letztens: Wir haben Mamadi kennengelernt. Er stammt ursprünglich aus Guinea und interessierte sich sehr für unser Projekt, welches wir ihm in unserem Atelier vorstellen konnten. Er will uns unterstützen, das Projekt auch in Guinea aufzubauen. Solche Momente finde ich sehr eindrücklich. Wenn jemand seine Zeit in ein Projekt investieren möchte, das er oder sie nicht selbst gestartet hat. Der traurigste Moment war wahrscheinlich in Uganda, was gleichzeitig auf eine Art auch ein schöner Moment war, als wir zum ersten Mal zusammen mit Alex den ersten Prototyp ausprobiert haben. Er ist eine tolle Persönlichkeit. Er war Soldat in Uganda und hat sein Bein aufgrund einer Tretmine verloren. Schlimmer als sein eigenes Bein zu verlieren, war für ihn, dass viele seiner Freund*innen gestorben sind. Er fand die Prothese so toll und meinte es sei ein ganz anderes Gefühl, verglichen mit dieser, die er gerade hatte und wollte sie deshalb unbedingt behalten. Unglücklicherweise mussten wir den Prototyp der Prothese für die Weiterentwicklung wieder mitnehmen. Er wird jedoch einer der ersten sein, der die fertig entwickelte «Circleg»-Beinprothese erhalten wird. 


Wie beeinflusst dein Engagement deinen Alltag?
Sehr positiv! Meine Arbeit ist quasi mein Alltag (lacht). Wir arbeiten im «Atelier Sponti» zusammen mit Freund*innen. Wir kochen und essen dort jeden Tag zusammen und ich schätze diese besonders gute Arbeitsatmosphäre.

Wie definierst du Gemeinschaft für dich?
Ich denke es geht darum, aufeinander zu schauen und Rücksicht zu nehmen. Zusammen am gleichen Strick zu ziehen und Freude und Leid zu teilen. Im Atelier können wir jeden Tag so sein, wie wir gerade sind, denn unter Freund*innen wird man so akzeptiert, wie man ist. Im Zusammenhang mit unserem Projekt durfte ich das Verständnis für Gemeinschaft in Kenia kennenlernen. Man ist sehr stark füreinander da. Wenn wir da waren, waren wir ein Teil der Familie. Es war klar, ihr gehört jetzt zu uns. Das finde ich einen sehr schönen Gedanken von Gemeinschaft, wir schauen zu dir, und du schaust zu uns.


Was inspiriert dich?
Am Liebsten von überall etwas. In unserem Gemeinschaftsatelier haben wir Inspirationen von vielen verschiedenen Projekten und Menschen. Schlussendlich sind es Menschen, die mich inspirieren. Was die Menschen machen, wie sie die Sachen machen, wieso sie Dinge machen. Das ist das, was mich am meisten inspiriert und die Einflüsse, welche wir in unserem Projekt auch umsetzen. 

Der Ausgangspunkt eures Projektes waren Kunststoffabfälle. Wie siehst du den Umgang mit Plastik in der Schweiz?
Grundsätzlich finde ich, dass wir vermehrt überlegen sollten, wie und wofür wir Materialien verwenden und ein Bewusstsein dafür entwickeln, was für uns welchen Wert hat. Kunststoff ist eine Ressource, die von einer endlichen Ressource, Erdöl, kommt und wir brauchen es hauptsächlich für Produkte, die wir sofort wieder wegwerfen, nachdem wir sie gekauft haben. Das macht rein designtechnisch keinen Sinn, trotzdem wird es momentan so gemacht. Auch wenn sich in der letzten Zeit schon einiges getan hat, können wir uns fragen was der Grund für eine solche Verwendung ist und wie wir es noch anders machen könnten und auch ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass das überhaupt einen Wert hat. In der Schweiz sollten wir die Chancen unserer privilegierten Situation, also dass wir uns zu Themen wie Umweltschutz Gedanken machen können und neue Ideen auch in unser System einführen können, nutzen.


Das beste Buch das du in letzter Zeit gelesen hast?
Das beste Buch das ich in letzter Zeit gelesen habe ist «The Never Ending Story» von Michael Ende. Eigentlich ist es ein Kinderbuch, aber es weist für mich so viele Parallelen zur jetzigen Gesellschaft auf. Im Buch geht es darum, die Fantasie wieder mehr zurückzubringen. Ich finde es deshalb eine schöne Geschichte, da wir auch in unserer Arbeit darauf angewiesen sind etwas zu träumen und unsere Fantasie einzubringen, das ist für mich persönlich auch ein Antrieb.

Was gefällt dir persönlich an Zürich und was würdest du verändern, wenn du könntest?
Ich finde Zürich eine unglaublich tolle Stadt und fühle mich hier sehr zuhause. Es gibt verschiedene Kulturen, viele Menschen und spannende Orte zu entdecken. Ich mag die Offenheit für verschiedene Projekte und gerade im Sommer ist es toll, in einer der Bars ein Bierli zu trinken und danach in der Limmat baden zu gehen. Das ist für mich Lebensqualität. Wenn ich etwas ändern würde, wäre es die Ausgeh- und Erlebniskultur, die wir vom Sommer kennen, auch im Winter auszuleben. Es wäre schön sich auch im Winter vermehrt draussen zu treffen und Sachen zu unternehmen. 


Was würdest du unseren Lesern*innen gerne mit auf den Weg geben?
Bleibt gesund.

Wie wärs mal mit...
...einem Kaffee bei uns im «Atelier Sponti»? Wir stellen euch gerne das Projekt vor.



Vielen Dank Simon Oschwald für das spannende Gespräch.


_
von Fabienne Steiner
am 29.03.2021


Fotos
© Marcos Pérez für Wie wär's mal mit


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