«Frau Müller» Zürich: Im Gespräch mit Yuri Laura Rivas Kaufmann
Yuri Laura Rivas Kaufmann spricht bei einem Spaziergang durch die Allmend in Zürich über die Entstehung von «Frau Müller», dem ersten Magazin für Frauenfussball in der Schweiz, über den Wert von kreativer Arbeit und darüber, wie unerwartete Begegnungen den eigenen Blick erweitern können. Bei Richi’s Kiosk gibt es eine Pause. Wir beobachten Hunde und Menschen. Ein Ort, der verbindet und damit gut zu diesem Gespräch passt.


Hey Yuri, wer bist du und was machst du?
Ich bin Yuri Laura Rivas Kaufmann, 36 Jahre alt, queer und habe einen Migrationshintergrund. Ich bin in El Salvador geboren, in Thalwil (ZH) aufgewachsen und habe in meinen Zwanzigern fünf Jahre lang in Bern gelebt. Nun lebe ich seit elf Jahren wieder in Zürich. Was ich alles mache und schon gemacht habe, frage ich mich auch immer wieder. Mein Herz schlägt für Social Design, Kunst und Pädagogik. Meine Erstausbildung habe ich als Primarlehrerin gemacht. Seit zwei Jahren arbeite ich wieder Teilzeit an Schulen. Als Co-Leiterin einer Schulinsel in Zürich Schwamendingen unterstütze ich Kinder, die zusätzliche Förderung benötigen, zum Beispiel aufgrund ihrer Neurodiversität oder weil Deutsch ihre Zweitsprache ist. Ich habe später Kunst studiert und als Fotografin dokumentiere ich nun seit knapp zehn Jahren die feministische Bewegung auf den Strassen Zürichs. Ich war unter anderem Mitgründerin einer Pop-up-Galerie für Kunst von schwarzen Schweizer Künstler*innen, Mitgründerin des Frauenfussballmagazins «Frau Müller» und von «The League Schweiz»,  einem Projekt für mehr Sichtbarkeit von FINTA-Personen im Sport. Zudem engagiere ich mich auf verschiedene Arten aktivistisch gegen Homophobie, Rassismus, Sexismus und andere -ismen.


Was inspiriert dich im Alltag?
Mich inspirieren vor allem Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Natürlich spielen auch meine Freund*innen und mein nahes Umfeld eine wichtige Rolle. Aber besonders spannend finde ich Gespräche mit Menschen aus anderen Lebensrealitäten, mit anderen Hintergründen, Erfahrungen oder Perspektiven. Meine Freund*innen fragen mich manchmal: «Wo hast du diese Person schon wieder kennengelernt?» Aber genau das mag ich. Wenn man offen ist und ins Gespräch kommt, entstehen oft unerwartete Verbindungen. Solche Begegnungen erweitern meinen Blick und bringen mich immer wieder dazu, Dinge neu zu denken.


Was wolltest du werden, als du ein Kind warst?
Ich wollte immer Radiomoderatorin oder Journalistin werden. Als ich den Kindergarten und die Primarschule besuchte, war ich ein grosser Radiofan. Wir hatten damals ein kleines Radio im Bad. Da habe ich jeden Morgen vor der Schule «Radio Zürisee» gehört. Ich hatte auch einen Lieblingsmoderator. Mit ungefähr elf Jahren habe ich ihm eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob ich einen Studiobesuch machen darf. Ich durfte dann an einem Mittwochnachmittag mit meinem Vater nach Rapperswil fahren und das ganze Studio besichtigen.
Während des Gymnasiums habe ich bei Radio LoRa angefragt, ob ich eine eigene Sendung machen darf. Frei war nur noch der Montagslot, an dem ausschliesslich Musik von Frauen lief. Sie meinten, wenn das für mich passe, könne ich die Sendung dort übernehmen. Ich wollte vor allem Hip-Hop und Rap auflegen. Aber weil ich unbedingt eine Sendung machen wollte und das auch mit meinem Ergänzungsfach verbinden konnte, habe ich zugesagt. So habe ich angefangen, mich mit feministischen Musiker*innen auseinanderzusetzen, und habe dann vor allem Hip-Hop- und Rap-Künstlerinnen abgespielt und verschiedene Interviews geführt. Das war alles noch mit CDs, meine moderierten Sendungen habe ich ebenfalls auf CD aufgenommen und schliesslich als Abschlussarbeit eingereicht. Heute kann ich das Kreative, Design und Fotografie mit dem Journalismus verbinden.


Beschreibe dich in drei Worten?
Visionär, optimistisch, neugierig (gwundrig).

Gibt es etwas, das sich in den letzten Jahren verändert hat?
Vor Kurzem habe ich ein Interview wieder gelesen, das ich 2020 gegeben habe. Damals wurde ich gefragt, was ich mir für die Zukunft wünsche. Ich habe geantwortet, dass Themen wie gesellschaftliche Ungleichheiten, Rassismus und Inklusion breiter thematisiert werden, auch im privaten Umfeld. Gerade mit meinen weissen Freund*innen darüber sprechen zu können, ohne dass es in Streit endet, sondern Verständnis und Awareness entsteht. Wenn ich das heute lese, merke ich, wie viel sich in den letzten sechs Jahren bewegt hat. Besonders durch die Black-Lives-Matter-Proteste sind viele Gespräche angestossen worden, die vorher kaum geführt wurden. Natürlich kann und muss sich noch viel mehr verändern. Aber es ist auch schön zu sehen, dass sich Diskurse verschoben haben, gesellschaftlich wie auch im eigenen Umfeld. Ich glaube, hätte ich diesen Wunsch damals nicht formuliert, wäre mir vielleicht gar nicht bewusst, wie anders die Situation vor sechs Jahren noch war.


Du bist Teil von «Frau Müller», dem ersten Magazin für Frauenfussball in der Schweiz. Wie ist «Frau Müller» entstanden?
Im Februar oder März 2025 hatten die Mitgründer*innen von «Frau Müller» die Idee, dass es für die Frauen-EM 2025 ein eigenes Magazin braucht. Andrea Müller, die Art Directorin, die ich noch aus meinem Praktikum beim Tages-Anzeiger kannte, erinnerte sich daran, dass ich bereits 2018 ein Projekt über Frauenfussball umgesetzt hatte. Sie hat mich angefragt, ob ich bei diesem Projekt dabei sein möchte. Ich war sofort begeistert. Relativ schnell haben wir entschieden, dass es nicht bei einer einmaligen Ausgabe bleiben soll, sondern dass wir daraus ein langfristiges Projekt mit zwei Ausgaben pro Jahr machen wollen. Wir sind nicht mit einem perfekt ausgearbeiteten Businessplan gestartet, sondern vor allem mit viel Leidenschaft. Ein Gedanke, der mich in dieser Zeit begleitet hat, war: «Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes» oder auch: «Wenn ich es nicht mache, macht es niemand.» Dass es in der Schweiz noch kein Magazin für Frauenfussball gab, fanden wir längst überfällig.
Nur zwei Wochen nach dem ersten Gespräch haben wir das Crowdfunding gestartet. Wir haben das Projekt an verschiedensten Orten vorgestellt, von «Glanz & Gloria» bis zu Kinderturnieren am Sonntagmorgen, um Unterstützung zu gewinnen. Kurz darauf begannen wir mit der inhaltlichen Arbeit. Und so ist «Frau Müller» in relativ kurzer Zeit entstanden.


Was hast du durch die Mitarbeit bei «Frau Müller» gelernt? Durch «Frau Müller» habe ich vor allem gelernt, wie wertvoll generationenübergreifende Zusammenarbeit ist. Menschen mit zwanzig oder mehr Jahren Berufserfahrung arbeiten oft fünf- bis zehnmal schneller als jüngere. Das wird häufig unterschätzt. Ehrlich gesagt hatte ich davor nie darüber nachgedacht, ein Projekt mit älteren Personen zu realisieren. Umso bereichernder war diese Erfahrung.
Ein weiteres grosses Learning war für mich der Wert kreativer Arbeit. Gerade in kreativen Projekten besteht schnell die Tendenz, sich finanziell unter Wert zu verkaufen. Durch die Zusammenarbeit habe ich nochmals einen anderen Zugang dazu gefunden, was meine Arbeit wert ist und dass es sich nicht lohnt, sich selbst auszubeuten. Professionalität bedeutet auch, einen fairen Stundenlohn zu berechnen.
Ich habe gelernt, mich klarer zu positionieren, grösser zu denken und meinen eigenen Anspruch ernst zu nehmen. Kreative Arbeit hat einen Wert und ich möchte ihn selbstbewusst vertreten.


An welchem Ort in Zürich hängst du gerne ab?
Hier, bei Richi’s Kiosk in der Allmend. Ich mag die Diversität an diesem Ort sehr. Hier kommen die unterschiedlichsten Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammen. Es ist ein bisschen wie beim Fussball: Er verbindet, und es spielt weniger eine Rolle, welche anderen Interessen oder Lebensrealitäten jemand mitbringt. Ähnlich ist es hier mit den Menschen und ihren Hunden. Man kommt ins Gespräch, begegnet sich und teilt für einen Moment einfach denselben Ort.

Wie wär’s mal mit...?
...einem Frauenfussballmatch.


Vielen Dank an Yuri für das inspirierende Gespräch.


_
von Flurina Helbling
am 30.03.2026

Fotos
© Flurina Helbling für Wie wär's mal mit

Wer die Bilder weiterverwenden möchte, muss sich die Rechte bei Wie wär’s mal mit einholen.

Impressum
Wie wär’s mal mit
c/o Ana Brankovic
Giessliweg 81
4057 Basel
Schweiz
wiewaersmalmit@gmail.com

Vereinskonto
CH50 0029 2292 1353 60M1 L