Gabriel Hill: Im Gespräch mit dem Fotograf der Bekannten

Der Basler Fotograf Gabriel Hill nimmt sich an einem zu warmen Montagabend Ende Februar Zeit, um ein Gespräch über seine Arbeit und seinen Alltag zu führen. In der Pizzeria direkt neben den Hill Studios, seinem Wohn- und Arbeitsort, holen wir zwei Pizzen, die wir später, zum Vergnügen der beiden Hauskatzen, halb fertiggegessen offen liegen lassen werden. Er esse dort eigentlich nie Pizza, versichert mir Hill. Wenn, dann backe er diese selber zu Hause. Auf die Pizzen wartend, werden wir von der Kellnerin zu einem Bier eingeladen – und trinken, obwohl wir beide «eigentlich» nicht trinken.


Lieber Gabriel, danke nimmst du dir heute Zeit für das Gespräch. Wer ist Gabriel Hill und was macht er?
Ich bin Fotograf und ich fotografiere. Ich bin Jurist, der Pianist werden wollte und Fotograf geworden ist. Ich mache nur Portraits und in der Regel meist von bekannten Leuten. Dafür bin ich bekannt und dies ist eine Art Nische, in welcher ich mich positioniert habe.


Kannst du beschreiben, was bei einem deiner Shootings passiert, ohne die Worte «Fotografieren» und «Kamera» zu benützen?

Die Quintessenz der Sache ist Leute zu managen. Es geht vor allem um Sozialkompetenz; darum, Egos in den Griff zu bekommen. Bei mir sind meist viele Leute am Set und ich bin derjenige, der bestimmen muss, wie es läuft. Wenn etwas schief läuft, bin ich schuld daran. Wir sind zwar eine Band aber ich bin der Bandleader – wobei es ohne Band natürlich nicht geht. Um die verbotenen Worte doch noch zu benutzen: Das Fotografieren ist nebensächlich. Es spielt keine Rolle, was für eine Kamera du verwendest. Du hast den Menschen vor der Kamera, zu dem du irgendwie eine Verbindung aufbauen musst.


Was hat dich an der Fotografie fasziniert, was hat dich angezogen?
Ich habe mir nie überlegt, Fotograf zu werden, es ist einfach so gekommen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Fotografie Spass macht und dass es gut funktioniert. Dann kam der Punkt an dem ich mich entscheiden musste, welchen Weg ich gehen wollte. Werde ich Jurist oder werde ich Fotograf? Diese Entscheidung war ziemlich schnell getroffen. Mit Leuten in Kontakt zu kommen, die ich sonst nie im Leben treffen würde fasziniert mich. Jedes Bild in meinem Portfolio ist mit etwas Speziellem verbunden; mit einem Erlebnis; mit einer Anekdote. Nehmen wir beispielsweise Christoph Blocher. Entweder man mag ihn oder man mag ihn nicht. Trotzdem ist er einer der wichtigsten Politiker der Schweiz, er hat die Schweizer Geschichte geprägt und ist fünf Milliarden schwer. Das ist eine spannende Persönlichkeit. Und das finde ich beeindruckend. Du wirst nicht zu einem Menschen wie Christoph Blocher, wenn du nicht charismatisch bist. Ich bin sehr fasziniert von diesen Leuten, von deren Charisma. Primär fotografiere ich meine Subjekte so, wie ich sie sehe und wie ich sie in meinem Portfolio haben möchte. Natürlich erledige ich immer den Auftrag für den Kunden. Aber ich mache immer zusätzlich etwas für mich.


Du hast einen Flügel in deiner Wohnung stehen. Spielst du noch?
Gerade wenn du einen gewissen Anspruch an das hast, was du tust, kannst du nicht nur fünf Minuten am Tag investieren, sondern musst täglich stundenlang üben. Und das ist in meinem Fall beim Klavierspielen nicht mehr möglich. Klaviermusik und Klavier zu spielen hat jedoch noch immer einen wichtigen Platz in meinem Leben und ich übe wieder mehr als auch schon.


Ich zeige auf ein Bild von Ives Irie – Mitbegründer der amerikanischen Delinquent Habits. Es hängt an der linken, längsseitigen Wand des Studios, welches im Hinterhof des Gebäudes gelegen ist. Wie spricht man den Namen dieses Mannes aus? Was ist dir vom Treffen mit ihm geblieben?

Wer auch immer bei mir ins Studio läuft – sei es ein CEO oder eine Sekretärin – sagt beim Betrachten dieser Wand: «Den kenne ich, wer ist das schon wieder?» Ich antworte jeweils: «Rocco Siffredi, Pornodarsteller.» Dann sind meine Kunden meist sehr schnell rot im Gesicht und schämen sich ein wenig. Das Treffen mit Rocco Siffredi war speziell. Er ist wirklich charismatisch. In Budapest hat er mit seiner Frau – sie kommt von dort – eine grosse Farm mit Eseln und Pferden. Über Rocco Siffredi oder seine Arbeit könnte ich mir ein fotografisches Projekt vorstellen, aber die Idee ist noch nicht ausgereift. Wir sind aber immer mal wieder in Kontakt und wer weiss, was daraus wird.


Sieht man sich deine Werke an, gibt es einige Arbeiten mit ProtagonistInnen aus der Welt der Pornografie. Was ist der tieferliegende Grund für deine fotografische Auseinandersetzung mit PornodarstellerInnen?
Pornodarsteller sind häufig den ganzen Tag lang an irgendwelchen Pornomessen unterwegs. Dort gibt es jede Menge Typen mit Kameras, die diese fotografieren möchten. Gekonnt werfen sich die Pornodarsteller dann in ihre Pornoposen und lassen sich ablichten. Ich wollte sie aus diesem Kontext hinausnehmen und einfach ein schlichtes Portrait von ihnen schiessen. Viele waren davon sehr irritiert. Sie waren plötzlich nicht mehr in ihrem gewohnten Umfeld und mussten die Kontrolle abgeben. Es war interessant zu entdecken, wie dieser ehrliche fotografische Rahmen die Menschen verunsicherte. Obwohl sie den ganzen Tag Sex vor der Kamera haben und die ganze Welt diese Videos ansehen kann, ist es ihnen schwer gefallen, sich selbst zu sein und sich ohne Pose fotografieren zu lassen, wie allen anderen Menschen, die ich fotografiere. Dass ein Fotoshooting einen Menschen verändern kann und unsicher machen kann, ist für mich das Interessante an diesen Portraits. Dafür war ich drei Tage Backstage an der Pornografie-Messe «Exstasia». Einen tieferliegenden Grund gibt es jedoch nicht. Es scheint mir eine bessere Beschäftigung zu sein, als am Weekend vor dem Fernseher zu sitzen.


Du hast weitere Fotoserien veröffentlicht über Minderheiten und Subkulturen. Beispielsweise eine Fotoserie über Migranten, welche 2017 vom Schweizerischen Nationalmuseum gekauft wurde. Diese Themen interessieren dich?
Ich mag Menschen und Geschichten. Ich möchte zeigen, wer diese Minderheiten und Menschen in kontroversen Situationen sind. Wer sind die Leute, die diese Leben leben? Es ist meine eigene Neugier, welche ich damit befriedige. Mich interessiert es. Die Fotografie ist das Vehikel, um erst an diese Menschen ran zu kommen. Würde ich einfach so einen Pornodarsteller anrufen und fragen, ob er kurz mit mir sprechen wolle, würde er wahrscheinlich ablehnen, weil er keinen Grund für ein Gespräch mit mir sehen würde. Die Fotografie ist mein Transportvehikel, damit ich überhaupt erst zu diesen Möglichkeiten komme. Wie bereits erwähnt, war ich an der «Exstasia» im Backstage. Das war eine sehr skurrile Erfahrung. Gleichzeitig war es aber auch das ganz normale Leben. Wäre man an einer Buchmesse gewesen, wäre es wahrscheinlich nicht viel anders zu- und hergegangen. Ich hab mich da mit einer Frau unterhalten. Sie hat ihre Pommes fertiggegessen und dann gesagt: «Ich geh jetzt mal ’ne Dildoshow machen.» Ich so: «Oké.» Dann habe ich den Typen daneben gefragt wer er sei und er antwortete: «Ich bin der Bruder von ihr.» Ich so: «Oké und eure Mutter?» Er wieder: «Die macht auch Pornos.»


Wie wichtig ist es dir, dass deine Arbeit Aufmerksamkeit auf sich zieht?
Es kommt darauf an, was ich mit der Arbeit bezwecken möchte. Soll es auf ein Problem aufmerksam machen, dann überlege ich mir natürlich schon, wie man dies bestmöglich umsetzen kann. Selbstverständlich mache ich auch Dinge, die niemanden interessieren. Ich habe viele Arbeiten, die ich nie publiziere; die auch nie jemand sehen wird. Aber ohne die Aufmerksamkeit anderer Leute geht es in diesem Beruf nicht. Ich kenne Fotografen die Bücher produziert haben. Weil sich jedoch fast niemand dafür interessiert hat, liegen die jetzt im Keller. Und was hat man davon? Eintausend Bücher, die niemand sehen will. Das ist als ob du Pianist geworden bist und niemand will dich hören.

Wer war ein wichtiger Lehrer für dich und was hat er dir beigebracht?
Ich habe sehr viel von Marco Grob gelernt, einem Schweizer Fotografen. Insbesondere wie man mit den Leuten umgehen kann, generell wie man als Fotograf arbeitet. Er arbeitet auch mit einem Team. Von ihm habe ich die Arbeitshaltung «under-promise and over deliver» mitbekommen. Mein erstes Bilanzcover kam nur deshalb zustande, weil ich mehr arbeitete, als verlangt wurde. Ich musste damals den CEO der Novartis fotografieren. Es hiess, sie bräuchten ein Portrait im Büro. Die Leute von Novartis vor Ort haben aber gar nicht gewusst, was ich wirklich tun musste. Also habe ich ihnen gesagt, dass ich zwei Bilder machen müsse. Ein Close-up und eines im Büro. Das Close-up habe ich für mich gemacht, das andere habe ich dem Auftraggeber abgeliefert. Das Close-up wurde später das Cover der Bilanz. Ich arbeite immer mehr als notwendig. In vielen Fällen zahle ich sogar Geld für meine Arbeit, weil das Geld, das die Magazine bezahlen, häufig nicht einmal reicht, um die Kosten zu decken, da ich im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen immer mit einer grösseren Crew arbeite. Wir bauen dann in der Regel drei bis vier Sets auf, damit wir immer eine Variation von verschiedenen Aufnahmen haben. Meine Subjekte haben meist nur Sekunden oder Minuten Zeit. Wir arbeiten dann diese Sets in kürzester Zeit durch.

Viele Fotografen-Kollegen kommen einfach mit einer Lampe und der Kamera und machen das Ganze möglichst effizient. Das ist bei mir ganz anders. Hat sich aber bewährt und dafür werde ich auch gebucht und das unterscheidet mich von meinen Kollegen. Mit Corporate-Aufträgen hole ich das dann wieder rein. Das sind dann Arbeiten, die extrem gut bezahlt sind, die ich jedoch nie publiziere, da sie entweder nicht zu meinem Portfolio passen oder ich ein «non disclosure agreement» unterzeichnen musste.


Etwas was ich mit der Zeit gelernt habe ist, dass du Glaubwürdigkeit nur durch die Leute erhältst, mit denen du arbeitest. Du bist nur so gut, wie die Leute in deinem Portfolio. Weshalb das so ist? Weil du nicht an diese Leute rankommst, wenn du nicht weisst, was du tust. Dass man fotografieren können muss, ist natürlich die Grundvoraussetzung, um für Magazine zu arbeiten. Danach ist ihnen jedoch wichtig, dass du um acht Uhr dort bist, wenn du sagst, du seist um acht Uhr dort. Also sei um acht Uhr dort. Wenn sie sagen, sie brauchen um zehn Uhr die Bilder, dann wollen Sie die Bilder um zehn Uhr haben. Wenn sie sagen, sie brauchen die Rechnung morgen, dann brauchen sie die Rechnung morgen. Sehr viele Leute kriegen diese einfachen Dinge nicht auf die Reihe. Und die Magazine stellen jene Leute an, die zuverlässig sind und nicht in erster Linie jene, welche die schönsten Bilder auf Erden machen.


Du arbeitest also im Team wie Marco Grob. Was würde dein zweiter Assistent dir für eine Frage stellen als Interviewer?
Der würde sagen: «Kannst du mich nachher noch ein bisschen fotografieren kommen?» Er war ein Student von mir. Irgendwann musste ich ihm sagen, dass er maximal vier Fragen pro Stunde stellen darf, da wir sonst nicht mit dem Unterricht voran gekommen wären. Er hat eines Tages gefragt, wie das Verhältnis von einem Sensor des iPhone 7 zu einem Sensor einer Nikon Mittelformatkamera sei. Ich habe dann geantwortet: «Keine Ahnung, schau auf Google nach.» Er geht mit dem falschen Ansatz an die Geschichte heran. Er möchte berühmt sein. Das ist der falsche Ansatz, um Fotograf zu werden. Wenn du dir als Erstes überlegst, wie viel Geld du für ein Bild verlangen kannst, dann ist das der falsche Ansatz, um überhaupt an einen Punkt zu kommen, an dem du viel Geld verdienen wirst, weil du nicht den nötigen Biss haben wirst, um dort hin zu kommen.


Es ist so ein langer Weg, um an einen bestimmten Punkt zu kommen. Ich habe Tausende von Stunden gratis fotografiert, ich fotografiere noch immer viel gratis. Ich mache Dinge, bei denen ich Geld drauf lege. Aber nicht weil ich reich werden will oder weil ich berühmt werden will, sondern weil es mich interessiert und weil ich es gern tue.


Du bist jetzt 35 Jahre alt. Was würde der 49-jährige Gabriel den Gabriel von heute fragen?
Wieso hast Du nicht mehr auf das Geld geschaut, sondern immer darauf, was dir Freude gemacht hat? Geld ist immer meine letzte Motivation. Geld interessiert mich immer als Letztes an der ganzen Sache. Ich komme aus einer einfachen Familie. Wir hatten nicht viel und meine Mutter arbeitete hart, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen und deshalb interessiert es mich nicht. Ich arbeite gerne an meinen persönlichen Projekten, um mein eigenes Ego, meinen eigenen Wissensdurst, zu stillen. Ich wollte unbedingt Jordan Peterson fotografieren, der am Donnerstag in Zürich war. Ich habe alles Mögliche versucht, habe den Magazinen gesagt, dass ich ihnen sogar Geld geben würde, wenn sie mich arbeiten liessen und ich habe dem Veranstalter angeboten, das ganze Kader gratis zu portraitieren. Aber Peterson’s PR hat abgelehnt. Ich vermute ich werde nie reich, weil mich Geld einfach zu
wenig interessiert.


Und was würdest Du den 49-jährigen Gabriel fragen?
Wieso hattest Du nicht schon früher den Mut, dich deiner Flugangst zu stellen? Wieso hast Du dich dieser Angst nicht schon mit 20 Jahren gestellt? Weshalb hast du 15 Jahre deines Lebens mit irgendwelchen Dingen «verblödelt», anstatt dass du einfach mal den Mumm zusammengenommen hast und zu dir selber gesagt hast: «Okay, ich kann das.» Mein einziges Limit bin ich selbst. Weil ich nicht fliege, verwehre ich mir gewisse Möglichkeiten. Das letzte Mal bin ich 2003 geflogen. Ich habe recht viele Anfragen aus dem Ausland, die ich nicht annehme, weil ich nicht fliege. Im Jahr 1995 haben wir – mein Vater und ich – ein Flugzeug verpasst. Und es ist tatsächlich abgestürzt. Ich bin danach als Kind zwar noch geflogen, aber als Kind kannst du dich auch nicht wehren. Als Erwachsener kann man sich ganz schön vor gewissen Sachen drücken. Und je länger man sich vor etwas drückt, desto weniger kann man sich später vorstellen, dass die Angst überhaupt überwindbar ist.



Du hast Sheila Birnstiel, vielen geläufig unter dem Namen «Ma Anand Sheila», mehrmals fotografiert. Sie war eine wichtige Weggefährtin von Bhagwan Shree Rajneesh – auch bekannt als «Osho». Heute wohnt und arbeitet sie im Baselland, genau genommen in Maisprach. Letztes Jahr wurde die Netflix Serie Wild Wild Country veröffentlicht, die sich mit dem Siedlungsprojekt des indischen Gurus im Bundesstaat Oregon befasst, bei dem Sheila Birnstiel eine tragende Rolle einnahm. Weshalb hast du sie so oft getroffen?
Ich habe sie für verschiedene Magazine fotografiert. Für die Weltwoche, für den Spiegel, für The Guardian und dieses Bild hier war für das Cover der Hindustan Times. Dieses Bild hätte ich gar nicht machen müssen. Nachdem ich sie drei Mal fotografiert habe, hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ich für keines der Bilder das gemacht habe, was ich hätte tun sollen. Offenbar habe ich versucht, etwas zu machen, was ihr nicht entsprochen hat, anstatt sie als Menschen wahrzunehmen. Eines Samstag morgens bin ich aufgewacht und habe mich gefragt, wie ich sie fotografieren würde, wenn mich das Time Magazine anrufen würde. Dazu muss man anfügen, für das Time Magazine zu arbeiten, ist in etwa das Höchste der Gefühle für einen Fotografen. Bei dem Gedankengang hatte ich dieses Bild als Vision (zeigt auf das Bild von Sheila Birnstiel in cremeweissem Kleid vor cremeweissem Hintergrund). Also habe ich ihr geschrieben, dass ich sie unbedingt noch einmal fotografieren müsse, weil ich es die letzten drei Male verkackt hätte. Sie war einverstanden und ich habe dieses Portrait angefertigt. Die Hindustan Times hat dann das Bild gekauft. Diese Zeitung hat eine Auflage von vier Millionen. Das ist schon eher viel.


Deine Freunde würden sagen, Gabriel ist jemand mit einem starken Willen, mit dem Auge für das gewisse Etwas und er ist sehr bodenständig, aber er ist: 
Grössenwahnsinnig.

Wie meinst du das?
Ich stecke mir in der Regel unerreichbare Ziele.

Apollon steht für die Ordnung, für das Gesetz und für das Licht. Dyonissos steht für den Rausch, für die Ekstase, für die Polygamie. Welcher der beiden Gegensätze musst du bei dir selber eher mal wachrütteln?
Ich bin schon eher der Zweite in Person und muss mich hin und wieder mässigen. Ich denke, wenn du eher einen kreativen Job hast, musst du irgendwie ausbrechen können und darfst dich gar nicht in so ganz klaren Gefässen bewegen. Wenn Du alles ganz formell korrekt tust, ich weiss nicht, ob du dann nicht einfach zu fest eingeengt bist in deiner Normalität.


Gibt es Momente in denen du innehalten kannst und betrachtest, was du als Fotograf bereits alles erreicht hast?
Ab und zu schon, aber selten. Ich bin sehr dankbar für das, was ich alles tun kann. Ich bin dankbar für die Unterstützung meiner Familie und von den Leuten, die das alles mittragen mussten. Du kannst Dir vorstellen, dass meine Mutter nicht gerade begeistert war, als ich ihr gesagt habe, dass ich ein Fotostudio aufmachen will. Das ist nicht jeder Eltern Traum und auch nicht der sicherste Beruf. Es hat lange Zeiten gegeben, da habe ich nichts verdient und meine Schwester musste meine Miete bezahlen. Es gab viele Leute, die mich unterstützt haben. Aber es ist auch einfach sehr viel harte Arbeit. Mehr arbeiten wie jeder Andere, länger arbeiten wie jeder Andere. Keine Ferien machen. Ich habe jährlich an 40 oder mehr Wochenenden gearbeitet. Alle Leute, die ein bisschen erfolgreicher sind als andere, sagen eigentlich das Gleiche: «Ich habe einfach härter gearbeitet als alle anderen.» Klar, je härter du arbeitest, desto mehr hast du Glück, aber trotzdem musst du immer dahinter sein. 



Mein Flüchtlingsprojekt ist nicht publiziert worden, weil ich Glück hatte, sondern weil ich selbst nach drei Jahren nicht aufgegeben habe und wieder jemanden angeschrieben habe, ob er sich vorstellen könnte, sich das Projekt anzuschauen. Und irgendwann hat mal jemand «Ja» gesagt. Mein Ehrgeiz dran zu bleiben, hat mich dahin geführt. Primär ist es hartes Arbeiten, was es ausmacht. Ich bin dankbar, dass ich das tun kann und dass ich Zeit verbringen kann mit sehr spannenden Menschen.


Jemand hat mir einmal den Ratschlag gegeben, ich sollte meine Arbeit sehr gut machen, aber ich soll es sein lassen, die Leute anzufragen für Auftritte oder Aufträge.

Ich habe auch gedacht, wenn du lange genug dran bleibst, weiss irgendwann die ganze Welt, wer du bist. Ich bin auch eher so, dass ich nicht gerne bei jemandem anklopfe. Die PR-Agentin mit der ich kürzlich gesprochen habe meinte: «Schau Gabriel, der andere Schweizer Fotograf, der in etwa das Gleiche macht wie du und ein bisschen erfolgreicher ist als du, der ruft jeden Tag, jeden zehn Mal an. Allein mich hat er gestern sechs Mal angerufen.» Ich habe gesagt, das entspricht nicht meinem Naturell, so nervig zu sein. Sie sagte: «Der Unterschied liegt darin, ob du lästig bist und etwas kannst, oder ob du einfach nur lästig bist.» Ich bin bei weitem nicht der beste Fotograf der Schweiz, aber ich bin vielleicht der Hartnäckigste.

Wie wär’s mal mit…
...mehr Mut?


Vielen lieben Dank, Gabriel, für das tolle Gespräch und die inspirierenden Worte.


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von Timon Sutter 
am 27.05.2019

Fotos
© Lukas Stadelmann für Wie wär's mal mit

Wer die Bilder weiterverwenden möchte, muss sich die Rechte bei Wie wär’s mal mit einholen.

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