Im Gespräch mit Künstler Thomas Liu Le Lann
Künstler Thomas Liu Le Lann spricht irgendwo zwischen Genf und verlassenen Stadien über Kunst als Überlebensstrategie, über Scham, Projektion und die seltsamen Übergangszustände des Erwachsenwerdens. Ein Gespräch über Intimität, Chaos, queere Recovery-Meetings und den emotionalen Kompost des Selbst.


Hallo Thomas, bitte stelle dich in einem Satz vor.
Hallo, ich bin ein Künstler aus Genf und mache Skulpturen, Videos und Installationen für Menschen, die ein emotionales Erwachen in einem Einkaufszentrum hatten.

Wenn du deine Kunst als Film oder Filmgenre beschreiben müsstest, was wäre sie und warum?
Wahrscheinlich ein Teenagerfilm von jemandem mit einer kleinen existenziellen Krise, vielleicht Gregg Arakis «Totally Fucked Up».
Mich fasziniert, wie die Filme, die ich wirklich liebe, Emotionen, Begehren, Scham, Zugehörigkeit und Peinlichkeit überzeichnen. Im Grunde all die Dinge, die das Erwachsenenleben noch immer strukturieren, nur mit besserem Licht und schlechteren Bewältigungsmechanismen. Mich berühren Übergangszustände: wenn Menschen noch dabei sind, zu werden, zu scheitern, so zu tun, zu projizieren, wenn Identität nichts Stabiles ist, sondern bereits so performt, als wäre sie es. Viele meiner Arbeiten versuchen, genau in dieser Zone zwischen Verletzlichkeit und Performance zu existieren, in der niemand die Regeln wirklich versteht, aber trotzdem alle weiterspielen. Sehr Teenagerfilm. Sehr emotional ausgelagert.


Autobiografische Arbeiten bewegen sich oft zwischen Verletzlichkeit und Mut. Was ist dein persönlicher Antrieb, Kunst zu machen oder Themen in Kunst zu übersetzen? Was bleibt, was verändert sich und was geht dabei vielleicht verloren?
Es ist weniger ein Geständnis als eine Struktur zum Denken und Überleben. Viele meiner Arbeiten beginnen mit Erfahrungen von Bindung, Abhängigkeit, Projektion, Scham, Begehren oder Erschöpfung. Aber mich interessiert Autobiografie nicht als persönliche Wahrheit. Mich interessiert eher, wie Intimität von grösseren Strukturen formatiert wird.
Ich finde es schwierig, mir einen anderen ehrlichen Ausgangspunkt als das Selbst vorzustellen. Aber das Selbst ist bereits instabil, porös, kontaminiert von Begegnungen, Erinnerungen, Fantasien, Scham und Verwaltung. Es ist keine besonders saubere Quelle.
Schreiben ist für mich die Art, vom Leben zum Denken zu gelangen, von der Erfahrung zur Form. Es funktioniert wie ein Übergangsraum, ein seltsames administratives Portal zwischen dem, was passiert ist, und dem Objekt, das am Ende existiert.
Was dabei meistens verloren geht, ist Gewissheit. Das ursprüngliche Gefühl löst sich auf. Schmerz wird zu Material. Etwas verschiebt sich.
Die Erfahrung bleibt nie intakt, Gott sei Dank. Sie wird zu einer Skulptur, einem Video, einem seltsamen Pilz, der aus dem Kompost des Selbst wächst. Sehr persönlich, aber nicht unbedingt privat. Sehr aufrichtig, aber mit gefälschtem Ausweis.


Wie sieht dein Alltag als Künstler aus? Beschreibe einen typischen Tag.
Es ist meistens ein völliges Pendeln zwischen Hyperkontrolle und komplettem Chaos. Genau in dem Moment, in dem ich dieses Interview beantworte, bin ich in Ho-Chi-Minh-Stadt und fotografiere ein verlassenes Stadion, nichts, was ich gestern vorausgesehen hätte. Deshalb habe ich zum Glück keinen typischen Tag.

Was machst du gerne, wenn du keine Kunst machst? Wie verbringst du deine freie Zeit?
Ich bin ehrlich gesagt immer noch nicht ganz sicher, was «Freizeit» eigentlich bedeutet. Die Grenzen zwischen Arbeiten, Leben, Besessenheit, Spiralen, Reisen, Erholen oder einfach Dinge anstarren sind für mich ziemlich unklar.
Aber dieses Jahr haben wir zusammen mit anderen Menschen in Genf ein queeres Recovery-Treffen für Menschen gegründet, die mit Abhängigkeit von Drogen, Alkohol und Medikamenten zu tun haben. Das hat überraschend viel Logistik, Gespräche, Fürsorge, Kaffee und Whatsapp Nachrichten gebraucht. Aber es war notwendig.


Du hast als Kurator bei «Cherish» in Genf gearbeitet. Wie kam es dazu? Worauf hast du bei der Auswahl von Künstler*innen geachtet? Und was bedeutet es für dich, selbst als Künstler zu kuratieren? Umgekehrt: Was schätzt du an guter kuratorischer Arbeit?
«Cherish» entstand aus Freundschaft und Notwendigkeit. Wir wollten einen Raum schaffen, um Arbeiten zu zeigen und zu beherbergen, die innerhalb institutioneller Strukturen – sowohl in der Schweiz als auch international – oft tokenisiert oder wie ein nachträglicher Gedanke behandelt wurden. Für mich bedeutete Kuratieren eher, Bedingungen als Lösungen zu schaffen: Rhythmen, Nähe, Spannungen, Missverständnisse. Etwas fast Choreografisches.
Zu viele Ausstellungen wirken heute überdeterminiert, als wäre schon alles erklärt, bevor die Besucher:innen überhaupt den Raum betreten. Das ist langweilig und ehrlich gesagt auch ein bisschen ringard.
Manchmal denke ich, das Grosszügigste, was eine Ausstellung tun kann, ist, einem Werk zu erlauben, teilweise unlesbar zu bleiben.


Wenn etwas anderes als Regen vom Himmel fallen könnte, was wäre es?
Schwänze. Einfach Schwänze. Unterschiedliche Größen, unterschiedliche Flugbahnen. Menschen schauen auf die Wettervorhersage wie: «Leichte Schauer am Morgen, heftiger Schwanzsturm ab 18 Uhr.»

Wie wäre es mit...
...einfach mal keinen Scheiss auf dein Trauma zu geben.


Danke Thomas für das erfrischende Gespräch.

(Englisch)

Artist Thomas Liu Le Lann speaks somewhere between Geneva and abandoned stadiums about art as a survival strategy, about shame, projection, and the strange transitional states of becoming an adult. A conversation about intimacy, chaos, queer recovery meetings, and the emotional compost of the self.


Hi Thomas, could you introduce yourself in one sentence?
Hi, I’m an artist based in Geneva, making sculptures, videos, and installations for people who had an emotional awakening in a shopping mall.

If you had to describe your art as a film or film genre, what would it be and why?
Probably a teen movie directed by someone having a minor existential crisis, maybe Gregg Araki’s “Totally Fucked Up”.
I’m drawn to how the films I deeply love exaggerate emotion, desire, shame, belonging, and awkwardness. Basically all the things that still structure adult life, just with better lighting and worse coping mechanisms. There’s something moving to me about transitional states: when people are still becoming, failing, pretending, projecting. When identity is not a stable thing, but is already performing like one. A lot of my work tries its best to exist in that zone between vulnerability and performance, where nobody fully understands the rules, but everyone keeps performing anyway. Very teen movie. Very emotionally outsourced.


Autobiographical works often move between vulnerability and courage. What is your personal drive to make art or to approach and translate topics into art? What remains, what evolves, and what might get lost in the process?
It is less a confession than a structure for thinking and surviving. A lot of my work begins with experiences of attachment, dependency, projection, shame, desire, or exhaustion. But I’m not interested in autobiography as personal truth. I’m more interested in how intimacy gets formatted by larger structures.
I find it difficult to imagine another honest starting point than the self. But the self is already unstable, porous, contaminated by encounters, memories, fantasy, shame, and administration. It’s not exactly a clean source.
Writing is how I move from life to thought, from experience to form. It functions like a transitional space, a strange administrative portal between what happened and the object that eventually exists.
What gets lost in the process is usually certainty. The original emotion dissolves. Pain becomes material. Something gets displaced.
The experience never remains intact, thank God. It becomes a sculpture, a video, a weird mushroom growing from the compost of the self. Very personal, but not exactly private. Very sincere, but with a fake ID.


What does your daily routine as an artist look like? Describe a typical day.
It is mostly a total oscillation between hyper-control and complete chaos. At the exact moment I’m answering this interview, I’m in Ho Chi Minh City taking photos of an abandoned stadium, which is not something I would have predicted yesterday. So I don’t really have a typical day, thankfully.

When you’re not making art, what do you enjoy doing? How do you like to spend your free time?

I’m still not fully sure what “free time” means, to be honest. The borders between working, living, obsessing, spiraling, traveling, recovering, or just staring at things feel pretty unclear to me.
But this year, together with other people, we opened a queer recovery meeting in Geneva for people dealing with addiction to drugs, alcohol, and medication. It took a surprising amount of logistics, conversations, care, coffee, and WhatsApp messages. It was needed.



You have also worked as a curator at “Cherish” in Geneva. How did that come about? What did you focus on when selecting artists? And what does it mean to you to curate as an artist yourself? Conversely, what do you value in good curatorial work?

“Cherish” emerged from friendship and necessity. We wanted to create a space for hosting and showing work that had often been tokenized or treated as an afterthought within institutional structures, both in Switzerland and abroad.
For me, curating was about creating conditions rather than solutions: rhythms, proximities, tensions, misunderstandings. Something almost choreographic.
Too many exhibitions today feel overdetermined, as if everything has already been explained before the viewer even enters the room. It’s boring, and honestly a bit ringard.
Sometimes I think the most generous thing an exhibition can do is simply allow a work to remain partially unreadable.

If something other than rain could fall from the sky, what would it be?
Cocks. Just cocks. Different sizes, different trajectories. People checking the forecast like: “Light showers in the morning, heavy cockstorm after 6 pm.”

Complete the sentence: “How about …”

...not giving a fuck about your trauma.


Thank you Thomas for the inspiring talk.


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von Ana Brankovic
am 11.05.2026


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© Ana Brankovic für Wie wär's mal mit

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