Kasheme Zürich: Im Gespräch mit Nick Mazrekaj

Wir treffen auf Nick Mazrekaj gerade im Moment, als der Bundesrat die erste Pressekonferenz zu COVID-19 hält. Eigentlich wäre der Beginn des Gesprächs mit dem Gründer einer der schönsten Musikperlen Zürichs, dem «Kasheme», anders gesetzt gewesen. Doch angesichts der Situation starten wir mit der Frage, wie sich die  Einschränkungen auf das «Kasheme» und sein Team mitten an der Neugasse, einer Seitenstrasse der Zürcher Ausgehmeile Langstrasse, auswirken werden. Ein Gespräch über ausserordentliche Zustände, öffentliche Wohnzimmer und Musik, die uns alle verbindet.


Nick, erst Mal ein Seufzer. Wir haben gerade zusammen die Pressekonferenz des Schweizer Bundesrats zum Coronavirus mitverfolgt. Wie sieht das anbrechende Wochenende im «Kasheme» nun aus?  
Kurzfristig wird die erste Massnahme sein, Schichten zu streichen. Wir benötigen jemanden an der Tür, um das gesprochene Maximum von 50 Personen einhalten zu können. Diese Aufgabe übernehme ich für heute. Und wir werden leider viele von unseren Gästen abweisen müssen.

Ihr habt vor Kurzem euer zweijähriges Jubiläum gefeiert. Müsst ihr jetzt die kommenden Events umdenken?

Sämtliche Bookings, die ab März 2020 geplant waren und die Gäste aus dem Ausland betreffen, die hier spielen sollten, mussten wir absagen. Es rentiert nicht mit einem Besuch von 50 Personen. Es wird nicht möglich sein diese Kosten zu tragen.  


Fangen wir von vorne an. Damals, als wir uns an der alten Location des «Kasheme», an der Schöneggstrasse kennenlernten. Wie bist du zu dieser Location mitten im Trubel der Zürcher Ausgehmeile im Kreis 4 gekommen?

Vielleicht spulen wir noch ein bisschen weiter zurück. Bereits vor dem «Kasheme» war ich als Booker und Organisator tätig, jedoch mehr in der elektronischen Ecke. Zusammen mit meinem Bruder hostete ich im damaligen «Rohstofflager» und «Q» (Anm. ehemalige Zürcher Nightclubs) Floors. Dann führte ich den Club «Depot». Anfang noch voll motiviert, entstand zuletzt das Gefühl, dass es dem Publikum mehr um den Exzess ging und weniger ums Hören von Musik. Loungemusik war immer wichtig, abgesehen von meiner Tätigkeit zu dieser Zeit. Ich überlegte an der Idee, einen Ort zu schaffen, an dem es ruhiger zu- und hergeht – für ein Publikum, das um der Musik Willen kommt, in einem ruhigen Ambiente. Die Übernahme der Location des damaligen «Kasheme» war reiner Zufall. Ich hatte Homegate nach einem Geschäftsobjekt durchforstet. Die Idee war, einen Kulturverein zu gründen, was sich aber als schwierig erwies. Es war nicht klar, ob die Räume an der Schöneggstrasse nun Geschäftsraum oder Wohnraum waren. Zu Beginn war es etwas dazwischen. Als ich mich von meiner damaligen Freundin trennte, bin ich dort eingezogen.


Dann war der ursprüngliche Gedanke nicht, dein Wohnzimmer einem Publikum zugänglich zu machen, sondern es war eine Art Konzept?   
Klar war: Der Ort sollte heimelig sein und die Atmosphäre eines Wohnzimmers wiedergeben. Mich inspirierte auch die Idee der Homeparty, wie dies beispielsweise in den Staaten gepflegt wird, oder das ehemalige «Loft» von David Mancuso in New York, einfach gemütlicher.

Als ich das erste Mal da war, hatte ich wirklich zuerst gedacht, es sei dein persönliches Zuhause. Es gab sogar eine öffentliche Badewanne.

Ich denke, zu dem Zeitpunkt hatte ich auch bereits da gewohnt. 2012 – 2013 war meine Zeit mit dem «Depot» hinten beim Letzigraben, ein paar Monate später folgte das «Kasheme». Von Anfang an stand die Idee im Mittelpunkt, keine tanzbare Musik zu spielen, sondern das Publikum vom Rave und dem elektronischen Genre etwas wegzubringen. Ich hatte damals das Empfinden, Musik war zu Mainstream, zu poppig geworden.


Was bedeutet für dich Pop?
Die Art Musik, die auf und ab im Radio gespielt wird, cheesy, keine anspruchsvolle Musik. Ich denke, das war mehr mein Eindruck dieser Zeit in Zürich, allgemein. Und der Ansporn dafür einen alternativen Zugang zu Musik zu schaffen. Einfach nicht überall zugängliche Musik. Ich spreche auch immer aus meiner Perspektive und meiner Übersättigung an elektronischer Musik, die ich in jenem Augenblick erlebte. Ich gehe heute noch raven. Anstatt mehr Konsum, dem «More is More», hing ich dem Gedanken nach, mehr Ruhe zu schaffen und aktiv eine Plattform zu bieten, die es erlaubt, zuzuhören und Musik zu erfahren.

Wie kam man dann ins «Kasheme» hinein? Es lag ja in einer Seitengasse ohne öffentlichen Zugang, nicht angeschrieben, anonym, privat.

Erst kamen Freund*innen, der kleine Rahmen halt. Ein paar weitere Bekannte aus dem Zürcher Nachtleben; das funktionierte nur «Mund zu Mund». Die Bekanntheit zog relativ schnell Kreise. Es ging nicht lange, dann stand die halbe Stadt vor der Tür. Natürlich ging das dann auch nicht ungesehen an der Polizei vorbei. Dann fingen die ersten Probleme an.


Was hattet ihr für Probleme?
Das «Kasheme» war nicht offiziell ein Betrieb. Das war ein Problem in dem Sinne, dass die Wirtschaftspolizei nicht einsah, dass wir ein Verein waren, sondern davon ausging, dass wir versteckte Gastronomie betrieben. Ich hatte keine Ausschankbewilligung zu jener Zeit. Es war aber unsere einzige Einnahmequelle, dieses Konzept durchzuführen, jedoch nie mit dem Gedanken, daraus ein Geschäft oder Gewinn zu machen. Auch Veranstaltungen sozialen Ursprungs fanden statt, etwa Projekte für Flüchtlinge zusammen mit dem Verein «Kollektiv.Raum», oder Klassen für Yoga.

Dann kamst du aber zu einer Bewilligung.
Ich hatte darauf dann ein Gesuch für einen papiergerechten, offiziellen Verein eingereicht. Aber die Formalität oder der Rahmen an sich waren nicht das Problem, sondern das Objekt, die Liegenschaft selber. Die Ämter waren sich nicht einig, welcher Nutzung dieses Wohnobjekt unterlag. Die Gemeinde ging davon aus, es sei eine Wohnung, das Bauamt, dass es ein Geschäftsobjekt war. Ich musste dies dann offiziell umnutzen lassen – vom Wohnraum zum Geschäftsobjekt. Das erwies sich über Jahre hin als problematisch. Letztlich auch, weil die Zustimmung der Eigentümer hätte erfolgen müssen, die den Verein anfänglich unterstützte, in den letzten Zügen dann aber nicht mehr. Und die Wirtschaftspolizei, die weiterhin den Verdacht hegte, wir würden versteckte Gastronomie betrieben.
 

Für mich war dies zermürbend, weil ich bewusst keine Gastronomie sein wollte, sondern ein Ort, der neue Zugänge zur Musik schafft und das für Menschen, die auch daran interessiert sind. Nach drei langen Jahren akzeptierten die Stadt und Ämter endlich, dass wir ein Verein sind. Doch dann kam die Absage der Eigentümer. Auch, weil in der Liegenschaft private Wohnungen vermietet wurden und das «Kasheme» dann doch zu viel Durchgang erzeugte. Letztlich erhielt ich die Kündigung und ich musste mich neuorientieren. Der Zugang erfolgte damals via Anruf; du musstest eine Festnetznummer anrufen, das Telefon klingelte und ich öffnete, oder du warst im Besitz meiner Handynummer. Es war anonym, keine öffentlichen Events, aber eben, auch das machte schnell die Runde.


Der Auftritt von «Khruangbin» im Wohnzimmer bleibt geschichtsträchtig. Ich erinnere mich an einige schöne Hörerlebnisse.
Ja, alles Bands, Musiker*innen und DJs, die ruhige Musik spielen. Mit solchen Momenten wollte ich einen Grundstein legen in welche Richtung «Kasheme» gehen sollte. Durch meine bisherige Tätigkeit war ein Netz vorhanden wie etwa mein Job beim Rundfunk.fm. Es war auch toll, viele lokale Künstler einzuladen, die bereits andere Musik spielten. Die Idee war, dass sie weniger ihr Repertoire vom Dancefloor spielen würden, sondern vermehrt die Sachen, die sie privat hörten. Das war das Besondere am «Kasheme». Dass auch grosse Artisten hierherkamen und quasi das spielten, was sie zuhause bei sich liefen liessen, sei es Jazz, Blues oder Klassik. Es zeigte, dass grosses Interesse bestand.


«Spiel das was du am Sonntag hörst; das, mit dem du aufgewachsen bist, ohne Druck!» Auch eine Art «Education» des Hörens, auch dank unseren Streams, durch die wir Kashemefans über unsere Landesgrenzen begleiten können. Nachdem der letzte richtige Jazzladen, das «Bazillus», seine Türen schloss, fiel die Möglichkeit praktisch weg, Jazz live zu hören. Jazz birgt immer den Hauch von zu alt, zu klassisch, nur für ein erwachsenes Publikum. Es kann auch anstrengend sein. Lieder wie etwa «Take 5» von Dave Brubeck haben mich eingenommen, fast schon hypnotisch, so wie Techno auch eine hypnotische Note haben kann. Daher kommt auch die aktive Förderung, Bands, die Jazz oder Blues live spielen, hier an die Langstrasse zu buchen. Das «Moods» gibt es ja immer noch und war schon immer eine Institution; sie sind vielfältiger als es das «Bazillus» war. Ich bin sehr froh über diese Location in Zürich. Mittlerweile ist Jazz wieder aktuell geworden, vor allem dank Gilles Peterson (Worldwide FM). Schön können wir unseren Teil dazu beitragen.


Nach dem Bruch mit der alten Location musstest du dich dann gezwungenermassen nach einer neuen Location umsehen.
Ich habe lange mit der Frage gehadert, ob die neue Location öffentlich oder nicht sein soll. Es war nie die Idee, etwas «Underground» zu gestalten oder gar illegal. Ich hatte einfach die Mittel nicht, eine öffentliche Location zu betreiben. Nachdem ich das alte «Kasheme» verlassen musste und bereits am Punkt war aufzugeben, auch aus Enttäuschung der Stadt und ihrer Massnahmen gegenüber, wollte ich dem Nachtleben den Rücken kehren, wieder meinen alten Job in der Buchhaltung ergreifen; zurück in den Aargau, zurück zu meinen Eltern. Ein Monat verstrich. Wie es der Zufall wollte, kontaktierten mich die Jungs vom «Acapulco». Das Verlassen des alten «Kasheme» hatte seine Runde gemacht und sie fanden mein Konzept gut. Sie eröffneten mir, sie hätten einen Spot, ein Lokal. Der Betrieb lief nicht mehr optimal und sie wären auf der Suche nach einem neuen Konzept. Ob ich nicht mit dem «Kasheme» ins Boot steigen wolle? Ich kannte das «Acapulco» nicht persönlich, wusste aber, dass es eine Zürcher Institution an der Neugasse war, ein Laden der sich über mehr als zwanzig Jahre einen Namen gemacht hatte. Es ging nicht lange und wir fanden uns gemeinsam am Tisch wieder und fanden: «Let’s do it!» Anders halt, eine offizielle Location, eine Bar.


Ein anderer neuer Vibe mit dem Umzug an die Neugasse. Seid ihr mit dem neuen Konzept Kompromisse eingegangen, oder hat es vieles erleichtert?
Es hat letztlich alles einfacher gemacht. Der Stress mit den Ämtern, mit der Stadt, das alles fiel nun weg. Zu Beginn war das schon eine gedankliche Umstellung mit dem «Kasheme» aus dem Privaten in die Öffentlichkeit zu treten. Es ist nach wie vor ein Wohnzimmer, nach wie vor hört man Musik in Ruhe, es ist ein Zuhause, nun für alle. Das Tolle ist, ich organisiere nicht mehr alleine, sondern mit einem tollen Team, besser gesagt mit Freund*innen, die wie ich an das Konzept des «Kasheme» glauben – mit Alfonso Siegrist und Patrik Grau (ehemals «Acapulco») sowie Tim Bytyqi und Guido Rumi, die ich mitgenommen hatte und natürlich unseren tollen Mitarbeiter*innen. Ich organisiere nicht mehr die Bar, die Türe und mache gleichzeitig das DJ-Hosting, wir sind zu einem professionellen Unternehmen geworden, ein Gastrobetrieb mit einer Highend-Cocktailbar und in einem einzigartigen Ambiente, das sich in den letzten Jahren etabliert hat. In unserem Keller befindet sich ein Raum, in dem wir zu Anlässen manchmal Musik spielen, den man aber auch mieten kann. Etwa einmal im Monat finden hier Stunden für Meditation statt, auch Yoga, meistens am letzten Sonntag im Monat. Begleitet von entsprechender Musik, beispielsweise spiritueller Musik, die dann ein Rahmenprogramm bietet. Für mich ist der Gedanke im Zentrum, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Wir verbinden die Welt durch Musik, beispielsweise Volksmusik, aus unterschiedlichen Ländern, gespielt von internationalen Gästen. Auch das ist ein Statement, dass wir Eins sind.

Ein Statement – im Augenblick unter schwierigen Umständen. Was heisst «Kasheme»?

«Ka-shä-mme», eigentlich ein altes deutsches Wort für Spelunke. Das stammt noch aus meinen Zeiten im «Depot», als wir kurz auch ein Restaurant betrieben, das sich «Spelunke» genannt hatte. Um den Gedanken an eine üble Spelunke zu veredeln, strich ich dann aus Kaschemme das c und m. Ich erhielt dann auch Anfragen, ob ich nach Basel expandiere, bezüglich der Basler Kaschemme, die kurz nach uns die Türen öffnete. Das war purer Zufall (lacht).


Ihr seid uns im Duo, du und dein Geschäftspartner Tim, in Basel auch schon musikalisch besuchen gekommen, mit «Biggie Small», aber im «Elysia». Bestehen da Ideen, um doch noch zu expandieren?

Ich bin immer mehr der Planer und Veranstalter oder Promoter gewesen. Die Person des DJs kam daher, dass ich in dieser Zeit eine umfangreiche Plattensammlung zusammengetragen hatte und es schätze, diese einem Publikum mitgeben zu dürfen. Deshalb fühle ich mich weniger als ein Musiker oder DJ, sondern mehr als Musikliebhaber. Wenn ich meine Platten spiele, nenne ich mich «SoulMate» und zusammen mit Tim, meinem Geschäftspartner und einem meiner besten Freunde, spielen wir als «Biggie Small», nicht zu verwechseln mit «B.I.G. Biggie Smalls» (lacht). Er gross, ich klein. Wir fanden das funny als Name. Und wir spielen breitgefächert von Ambiente bis Techno. Hier lokal, oder eben auch wie ab und an in Basel, letztes Mal im «Elysia» als Warmup für «Moodyman». Das war ein schöner Moment. Mit dem Umzug des «Kasheme» ins «Acapulco» wurde eine schöne Symbiose von Alt und Neu geschaffen, um diese Institution in unserem Gewand weiterzuführen.


Was machst du, wenn du eine Auszeit brauchst? Eigentlich machst du ja das, was du liebst.

In den ersten zwei Jahren am neuen Ort habe ich viel gearbeitet, um den Laden zum Laufen zu bringen. Auch für mich ist es das erste Mal, dass ich einen Gastrobetrieb führe. Ich bin dankbar für diesen Neustart. Aber der Erfolg zeigt auch, dass sich treu bleiben irgendwann auszahlt. Wir sind keine typische Bar, es ist ein Zuhause. In meiner Freizeit höre ich natürlich auch Musik, gehe in die Natur oder treffe Freund*innen.



Eine Platte, die dir am Herzen liegt?
Fast unmöglich. Ich höre jeden Tag neue Musik oder forsche, betreibe Research. Es gibt so viele (lacht). Aber letztens fand ich eine alte Platte in meiner Sammlung, die ich mit 14 das letzte Mal im Jugendhaus an einem DJ-Battle gespielt hatte. Ich durfte mit zwei Platten teilnehmen – ein Intro und ein Final. Für das Final spielte ich Bob Sinclair und «I can feel it». Als Bob Sinclair dann an meiner Plattenwand wieder zum Vorschein kam und ich sie auf den Plattenspieler legte, das war ein ganz schöner Backflash. Wow! Und 15 oder 16 Jahre später darf ich Leute mit Musik bewegen und ihnen einen Rahmen dafür bieten – das schönste Gefühl.

Zwei Tracks, die du magst und die wir im Interview gerne teilen würden.
Miles Davis - Feio

Brian Eno - LUX 1


Wie wär’s mal mit... 
...Ruhe und Gemütlichkeit. Denn mit Gemütlichkeit kommt auch das Glück zu dir.



Nick, vielen Dank für das inspirierende Gespräch. «Kasheme» bringt uns Musik nach Hause und streamt live während dem Lockdown unter kasheme.com/streaming. Alle Sets gibt es via soundcloud.com/duyaka. Ausserdem kann man ab Wiedereröffnung via Homepage Cocktails Take Out bestellen oder direkt abholen. Zudem bietet das Kasheme ab sofort die Möglichkeit Lounges zu reservieren, damit man auch sicher einen Platz hat.


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von Shirin Zaid
am 11.05.2020


Fotos
© Monir Salihi für Wie wär's mal mit



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