Psychotherapie: Im Gespräch mit Nadia Kohler

Nadia Kohler ist Psychotherapeutin in Basel und Zürich. Wir führten mit ihr ein Gespräch über Ausnahmezustände, häusliche Gewalt, das Menschsein und Hamstern in Zeiten von Covid-19, Social Distancing und #Staythefuckhome.


Ausgangsbeschränkungen und Quarantäne, Homeoffice –  Welche Möglichkeiten gibt es, um eine solche Situation zu bewältigen? Routine und Alltag ändern sich ja massiv, die einen meistern es, andere leiden unter den Bedingungen und ihnen fällt die Decke auf den Kopf.
Wir müssen uns einrichten. Das braucht seine Zeit, um neue Routinen zu finden. Zusätzlich ist man nun viel mehr mit sich selbst konfrontiert. Wer sich bisher auf Arbeit und Freizeitkonsum fokussierte, dem wird ein Loch in eine Lebensart gerissen, die es so vorübergehend nicht mehr gibt. Ich erlebe aber durchaus, dass Menschen genau darin aufgehen und sich fragen: Warum habe ich eigentlich so viel gearbeitet, oder so viel Freizeit dem Konsum von Dingen gewidmet, die ich eigentlich nicht benötige? Dieser Stress bei Druck und Beschleunigung belastet sie nicht mehr, was die Kreativität fördern kann, und dies nicht nur im konkreten Sinne. Ich erlebe, dass Menschen beginnen, sich wieder für die Dinge an sich zu interessieren. Andere nutzen diese Zeit des Nicht-alles-Möglichen, um von Drogen oder alten Lastern loszukommen. Andere wiederum beginnen mit alten und neuen Lastern. Viele Menschen sind nun auch mit Gefühlen konfrontiert, die sich in der vorherigen, beschleunigten Zeit nicht gezeigt haben, vor allem mit der Einsamkeit. Aber auch Erleichterung wird gefühlt, weil Menschen unter anderem nicht mehr legitimieren müssen, zu Hause bleiben zu wollen. Wer schon vor der Krise sich selber gegenüber aufmerksam war, dem wird das Einrichten wohl schneller gelingen. Sich gut zu kennen, hilft schnell, neue Routinen zu gewinnen, und beides kombiniert, bietet die Gelegenheit zum Wohlfühlen. Ich würde behaupten, wer das schafft, besitzt die Fähigkeit das Beste daraus zu machen. Und diese Fähigkeit ist aktuell gefragt. Auch die Fähigkeit zum Alleinsein in Anwesenheit des anderen hilft. Also die Fähigkeit, sich mit sich zu beschäftigen, abgrenzend zu anderen. Vor allem Kinder, aber eben auch Erwachsene brauchen dafür aber ein genügend «gutes» Umfeld und eine sichere Umgebung.


Das Thema Einsamkeit ist besonders aktuell. Viele Menschen müssen sich derzeit alleine in ihren vier Wänden aufhalten. Das Gefühl der Einsamkeit kann dabei schnell zum Problem werden. Wie kann man damit umgehen, um schwerwiegende Folgen zu vermeiden?
Ja, es gibt Leute, die sich zurzeit einsam fühlen. Und dieses Gefühl trifft tief. Bevor ich damit aber lernen kann umzugehen, muss ich dieses Gefühl verstehen, und nicht nur Einsamkeit, sondern auch andere negative Gefühle wie Gereiztheit, Lethargie, Angst, Verlorenheit, Leere und so weiter. Wie also mit all den Gefühlen umgehen? Die Antwort ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das kann man auf unterschiedliche Arten: im Gespräch mit Freunden und Familie, indem man sie ins Tagebuch schreibt, indem man sich und seine Gefühle durch Kunst und Musik auszudrücken versucht. Dabei können eine äussere Struktur wie regelmässige Mahl- und Schlafenszeiten oder regelmässiger Sport, der einen in Bewegung bringt, unterstützend wirken.


Zum Thema Onlineinterventionen und Behandlungen von Patienten: Wie können Menschen, die mental fragil sind oder an einer psychischen Störung leiden, diese Krisensituation am besten überstehen? Gibt es da besondere Behandlungsmöglichkeiten? Was sind die Chancen und Gefahren?
Ich versuche, diese sehr komplexen Fragen in einfachen Worten zu beantworten. Menschen mit einer psychischen Störung müssen sich mit sehr schwierigen und intensiven Gefühlen auseinandersetzen. Die psychische Abwehr gegen diese Gefühle kann sich in einem oder mehreren Symptomen zeigen und diese Abwehr kostet viel Kraft. Wer sich selbst und seine Abwehr nicht kennt, kann dagegen wenig ausrichten. Eine psychotherapeutische Begleitung hilft hier, innere Strukturen zu erkennen, zu verstehen, durchzuarbeiten und sie eventuell aufzugeben oder zu verändern. Diese inneren Strukturen zeigen sich auch im Umgang, ja, bestimmen sogar den Umgang mit der aktuellen Krise. Deswegen ist eine Psychotherapie immer auch eine längerfristige Arbeit an inneren Strukturen bei unterschiedlichsten Gegebenheiten, um aktuelle, sich wiederholende oder zukünftige Krisen besser zu bewältigen. Unsicherheiten finanzieller, beruflicher, familiärer und gesundheitlicher Art beeinflussen uns Menschen und wir reagieren darauf und zwar unterschiedlich.

Online über Videokonferenz habe ich eine kleine Gruppe Covid-19 positiver Menschen begleitet. Und ich konnte sehen, dass da ein Virus ist, von dem man noch nicht besonders viel weiss, das aber den Körper angreift und auch das Leben. Egal welche inneren und äusseren Strukturen bestehen, diese neue Situation, dieses Virus beeinflusst uns Menschen, ob wir es nun selbst haben oder ob es eine latente Gefahr darstellt. Manche Menschen mögen stark darauf reagieren, beispielsweise mit Angst oder sogar Panik, mit Zwängen und Depression. Wieder andere lassen das Virus nicht gelten, verharmlosen oder verleugnen es sogar. Andere versuchen ein Gefühl der Kontrolle zu finden oder geben sie ganz auf, teilweise durch Abgabe von Verantwortung. Humor ist auch eine Art mit der neuen Situation umzugehen, die zu einer gesunden Distanz verhelfen kann. Wie Menschen mit der aktuellen Krisensituation umgehen, ist sehr vielfältig. Eine Psychotherapeutin versucht dieses individuelle Verhalten zu verstehen und Hilfe anzubieten, wenn dieses Verhalten uns Steine in den Weg legt. Onlineinterventionen sind meiner Meinung und Erfahrung nach ganz klar wirksam, und helfen, innere und äussere Strukturen zu stärken, ähnlich der Psychotherapien in vivo. Aber auch Psychotherapeut*innen in laufenden Therapien müssen sich den Veränderungen der Krise anpassen. Durch Onlineinterventionen werden Rahmen und Setting verändert. Das kann Instabilität in die schon laufenden psychotherapeutischen Prozesse bringen, es kann aber auch Neues hervorbringen. Manch eine*r wird überrascht sein.


Auch Beziehungen und häusliche Gewalt gewinnen in Zeiten von Covid-19 an Brisanz. Wenn alle ständig zu Hause sind, tritt eine Ungleichverteilung umso deutlicher zutage. Welche Strategien helfen bei der Bewältigung dieser besonderen Situation? Welche Mechanismen liegen bei solcher Gewalt zugrunde? Was kann man tun, wenn man in Gefahr ist?
Auch diese komplexen Fragen kann ich in diesem Rahmen nur stichwortartig beantworten. Wie oben beschrieben, kann man, um bestimmte Gefühle nicht spüren zu müssen, verschiedene Abwehrformen einsetzen. Eine Abwehrform davon nennt man Externalisieren, das heisst eine Verlagerung innerer Einstellungen nach aussen. Gewalt ist eine extreme Form des Externalisierens. Wenn die inneren und äusseren Strukturen wackeln, und Betroffene überfordert sind, reagieren diese Menschen mit Wut, die sie nicht in sich halten können und anderen zufügen – verbal oder physisch, in einem Zweiergefüge, im familiären Kontext oder in grösseren sozialen Gruppen. Die einschränkenden Massnahmen führen zusätzlich zu räumlicher Nähe, teilweise in sehr engen Platzverhältnissen. Und drohende Gefahren können Angst und Unsicherheit auslösen. Diese explosive Mischung von belastenden Platzverhältnissen, erhöhtem Stress und der bevorzugten Abwehrform des Externalisierens kann dazu führen, dass die Aggressionen, die unter anderen Umständen vielleicht kontrolliert werden können, nicht mehr kontrolliert werden können. Und wenn man von dieser Gefahr bedroht oder ihr sogar unmittelbar ausgesetzt ist, muss man sich unbedingt Hilfe holen. Bei Freund*innen, Familie oder Fachpersonen – im Notfall auch bei der Polizei (Tel. 112 oder 117 rund um die Uhr). Es gibt weiter verschiedene Angebote bei häuslicher Gewalt wie das Frauenhaus beider Basel (061 681 66 22, rund um die Uhr), die Schutz, Beratung und Unterkunft anbieten. Oder das Männerbüro der Region Basel (061 691 02 02), das Beratung für gewaltbetroffene und gewaltausübende Männer anbietet.


Gleichzeitig wird «Social Distancing» propagiert. Menschen sind soziale Wesen. Wie bewältigt man die erzwungene, physisch notwendige Distanzierung voneinander?

«Social Distancing» hat sich als Begriff zwar durchgesetzt, darunter wird aber vor allem die Massnahme verstanden, physische Distanz zu anderen Menschen zu halten, um so Infektionsketten zu unterbrechen. Wichtig scheint mir, dass man kreative Mittel und Wege findet, die soziale und emotionale Nähe zu seinen Mitmenschen und Liebsten zu erhalten, die man benötigt, damit dieses eigentliche «Physical Distancing» gerade nicht zur sozialen Vereinsamung führt. Wer durch das «Social Distancing» Mühe bekommt, soll unbedingt darüber mit anderen reden, das schafft emotionale Nähe. In der «Dargebotene Hand» (Tel. 143, www.basel.143.ch) findet man eine rund um die Uhr verfügbare anonyme Beratung – telefonisch, via Chat und Mail.


Und auch in Bezug auf Kinder birgt die aktuelle Situation viele Herausforderungen. Die Schulen sind geschlossen. Die Eltern sind dadurch mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Wie können sie sich um die Kinder kümmern? Wie kann Kindern das Geschehen erklärt werden?
Ja, die Eltern sind teilweise Mehrfachbelastungen ausgesetzt – Homeschooling, Homeoffice, drohender Verlust der Arbeit, finanziellen Nöten. Dies ist sehr herausfordernd, besonders in der Anfangszeit, und manchmal auch überfordernd, dann soll man sich Hilfe holen, z.B. beim Sozialdienst des jeweiligen Kantons (Kantonspolizei BS 061 267 70 38) oder dem Elternnotruf der Pro Juventute (058 261 61 61, rund um die Uhr). Wie man sich um die Kinder kümmern soll? In dieser Situation muss oder darf man sich viel mehr mit ihnen auseinandersetzen, ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken, Konflikte austragen, Strukturen geben und ihnen Schulstoff und vieles anderes beibringen. Über die Krise soll man unbedingt mit den Kindern reden, sie bekommen sie ja mit. Man kann nach ihren Vorstellungen der Krise und dem Virus fragen, sich von ihnen darüber berichten lassen, und ihre Fragen kindgerecht beantworten. Ihre Gefühle sollten dabei wahrgenommen, getragen und gespiegelt werden, auch die Angst. Und ein Tipp: Es gibt beispielsweise auch ein Kinderbuch, mit dem man den Kindern die derzeitige Situation erklären kann. Es ist kürzlich im Beltz-Verlag hier erschienen und heisst  «Coronavirus. Ein Buch für Kinder» von Axel Scheffler.



Und dann schreit die ganze Gesellschaft nach Solidarität. In einer Krise entstehen viele Solidaritätsprojekte. Was ist der Auslöser dafür, dass Menschen in einem solchen Kontext anderen Menschen helfen möchten?
Wir alle befinden uns in unserer Kindheit in einer Abhängigkeit, die sich im Laufe der Entwicklung auf einem Kontinuum von absoluter Hilflosigkeit, über das Angewiesen sein auf andere, hin zu selbständiger Bewältigung bewegt. In diesem Spektrum der Abhängigkeit werden wir von unseren ersten Bezugspersonen in irgendeiner Form aufgefangen. Durch elterliche Spiegelung der damit in Zusammenhang stehenden Gefühle lernen wir diese zu regulieren und die Fähigkeit zur Empathie. Wie wir aufgefangen wurden, spiegelt sich damit auch in unserem von bewussten und unbewussten Gefühlen geleiteten Verhalten anderen gegenüber. Hilfe zu bekommen in unsicheren Situationen, ist eine unserer aller Erfahrung in den verschiedensten Ausprägungen. Solidarität ist bestimmt eine davon, die wir dann dank der Empathie weitergeben.


Ganz zu Beginn kam es zu Hamsterkäufen. Leute haben Vorräte angehäuft. Handelt es sich dabei um Egoismus oder um Voraussicht? Sind das schlechte Menschen? Was sind die Gründe dafür, dass wir so handeln?
Wenn ich Hunger habe, will ich essen. Wenn es zu wenig Essen hat, schaue ich, dass ich mir welches besorge. Und wenn mir droht, kein Essen mehr zu bekommen, dann hole ich, was noch da ist. Ich glaube, ohne diesen Trieb würden wir als Menschen nicht überleben. Wird dieser Trieb mit Einschränkungen und Versagungen zu sehr gereizt, antwortet er mit Aggression; das kann sich in einer Form des sich Durchsetzens zeigen oder des Sich-gegen-andere-Behauptenwollens, um das zumindest in der Vorstellung knappe und doch lebensnotwendige Gut für sich zu reklamieren. Die Bandbreite der durch Versagung ausgelösten Aggressionen führt aber auch ins Destruktive. Innere und äussere regelnde Instanzen und Strukturen, wie beispielsweise das Gewissen oder Gesetze können den Grad der Destruktion hemmen, Instabilität im Innen und Aussen sie hingegen durchbrechen lassen. Die Dynamik der aktuellen Situation sehe ich folgendermassen: Man liest in der Zeitung über die Hamsterkäufe. Der Überlebenstrieb wird aktiviert, weshalb ich mir sicherheitshalber eben doch noch eine zusätzliche Packung Spaghetti kaufe, was an sich ja noch nicht als «Hamsterkauf» bezeichnet werden würde. Wenn aber viele Menschen sich ein–zwei zusätzliche Packungen kaufen, führt das zu nicht mehr ganz vollen Regalen im Supermarkt. Was wiederum dazu führen kann, dass andere, die ein fast leeres Regal sehen, ein noch stärkeres Gefühl der Knappheit erleben, womit der Überlebenstrieb noch mehr gereizt wird.


Spazieren gehen ist zwar erlaubt, man fühlt sich aber schlecht dabei, hat Angst, beobachtet oder verurteilt zu werden oder jemanden anzustecken. Wie geht man mit der Situation um?
Man muss sich nicht schlecht fühlen beim Spazierengehen. Es ist erlaubt, und die Ansteckungsgefahr ist, wenn man den Empfehlungen folgt und Abstand hält, sehr gering. Wer aber eigentlich verurteilt denn die Spazierenden? Nicht oft die Spazierenden selbst? Das wäre dann auch eine Form von Externalisierung, nämlich des eigenen schlechten Gewissens, das auf andere projiziert wird.


Was sind deine drei Tipps, um mit sich selber in Notsituationen oder allgemein klar zu kommen?
Interessiere dich für dich und andere.
Kenne deine Strukturen im Innen und Aussen.
Werde kreativ und hole Hilfe, wenn nötig.

Wie wär's mal mit...
...Interesse an den Dingen, an sich und am Menschen?



Vielen Dank an Nadia Kohler für die ausführlichen Einblicke in das Menschsein.


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von Ana Brankovic
am 01.06.2020


Fotos
© Ketty Bertossi für Wie wär's mal mit



Wer die Bilder weiterverwenden möchte, muss sich die Rechte bei Wie wär’s mal mit einholen.


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